China-Tagebuch

17.4.-12.5.2000

Antje Arbor

 

 

Chronologisches Ortsverzeichnis

 

Beijing (sprich: bä-i-dsching)(1)(4) (Peking)

Ming-Gräber und Große Mauer

Hangzhou (sprich: hang-dscho-u)(1)(3)

Suzhou (sprich: su-dscho-u)(1)(2)(3) und seine Gärten

Nanjing (sprich: nan-dsching)(1)(3)

Luoyang (4) und Longmen-Grotten

Xi'an (sprich: chi-an)(3) und Terrakotta-Armee

Chengdu (sprich: tscheng-du)(3)

Leshan (sprich: le-schan)(3)

Kunming

Guilin (sprich: gu-i-lin)(4) und Kegelkarstlandschaft

Hongkong

 

(1) „sch" nach „d" ist immer stimmhaft wie im französischen journal,

„dsch" wird also wie im englischen fridge oder lodge ausgesprochen.

(2) „s" am Wortanfang ist stimmlos wie im deutschen Reis.

(3) Betonung auf der zweiten Silbe

(4) Betonung auf der letzten Silbe

 

 

Chronologisches Verzeichnis nach Sachgebieten

 

Wohnen und Bauen

Pflanzen und Tiere in Beijing und Umgebung

Tee trinken

Landschaft und Pflanzen ab Hangzhou

Gartensymbolik

Bahn fahren

Pflanzen und Tiere ab Shanghai

Menschen (1)

Symbolik und Schönheitsideale

Straßenverkehr und Transport

Arbeit (1)

Landwirtschaft

Landschaft und Pflanzen ab Luoyang

Essen

Menschen (2)

Arbeit (2)

 

 

DAS TAGEBUCH

 

In meinem China-Tagebuch habe ich einiges von dem festgehalten, was ich während der 26-tägigen Reise mit meinen eigenen fünf Sinnen wahrgenommen habe, aber auch von dem, was uns die zahlreichen Reiseleiter zu vermitteln versuchten.

 

„In China ist alles anders", sagte unser deutscher Reiseleiter Carsten. Er musste es wissen, denn er wurde dort geboren und hat später im Auftrag des DAAD (Deutscher Akademischer Auslandsdienst) dort über fünf Jahre lang den Studenten die schwierige deutsche Sprache und die fremden europäischen Denkweisen und Gebräuche zu vermitteln versucht. Umgekehrt versuchte er es seit Jahren nun mit deutschen Touristengruppen.

 

Da in China alles anders ist - die wässerige Suppe zum Beispiel erst am Schluss der Mahlzeit zum Füllen etwa noch vorhandener Löcher im Magen und zum Löschen der scharf gewürzten Speisen gereicht wird - stelle ich, anders als üblich, meine Abschiedsverse mit dem Dank an den Reiseleiter an den Anfang:

 

Ein Scherzbold, zugleich uns Mutter und Vater,

umsorgte er uns, war unser Berater.

Kein Bissen im Munde, den er nicht erklärte,

kein Ärger, den er nicht ins Heitere kehrte.

Er lehrte uns in langen Reden -

in Schlaf gewiegt hat dies nicht jeden -

das Land viel besser zu verstehen,

ein wenig auch von innen sehen.

So ein Gekochte-Eier-Mann

ist einer, der fast zaubern kann:

Der Ein' oder Andre aus unserem Haufen

ist innen schon etwas gelb angelaufen.

 

Ein gekochtes Ei ist natürlich außen weiß und innen gelb, daher wird ein Weißer mit chinesischer Denkart „Gekochte-Eier-Mensch" genannt. Dagegen werden zum Beispiel Auslands-Chinesen als „Bananenmenschen" bezeichnet - außen gelb, aber innen weiß, mit dem Gedankengut der weißen Langnasen.

 

Wir Langnasen wurden fast überall unverhohlen angestarrt. Kinder riefen „Hallo" (meist ihr einziges ausländisches Wort), auf einem Bahnhof kamen sie scharenweise zu unserem Wagon gepilgert, um uns zu besichtigen. Zur deutlich gezeigten Belustigung diente selbst den Erwachsenen der Bierbauch eines unserer Herren. In China gibt es ja einen lachenden, dickbäuchigen Buddha, an dessen Statuen der Bauch immer ganz blank vom vielen Betätscheln ist. Sein dicker Bauch bedeutet Glück und Zufriedenheit. Leider sieht man auch in China gelegentlich schon als Produkte des Wohlstandes und der Ein-Kind-Politik große, fette Kinder, die mir neben den zierlichen erwachsenen Verwandten immer wie Kuckucksjunge im Pflegeelternnest vorkamen.

 

Ehe ich weiter fabuliere, beginne ich nun doch lieber mit dem Anfang der Reise.

 

Am 17.4.2000 (Mo) flogen wir von Zürich über den Ural, Sibirien und die Mongolei und landeten nach 9,5 Stunden Tag- und Nachtflug auf dem neuen Flughafen von Beijing.

 

Beijing (Peking)

 


Am 18.4.2000 (Di) besichtigten wir bei Nieselregen die riesige Gartenanlage des Sommerpalastes der Kaiser und später den buddhistischen Lamatempel. Diese Eindrücke kann ich nicht beschreiben, da können nur Bilder sprechen, wie man sie in vielen guten Reiseführern und Bildbänden findet.

 

19.4.2000 (Mi): Platz des Himmlischen Friedens im Nebel. Eine breite Menschenschlange bewegte sich langsam auf das Mao-Mausoleum zu. Der riesige Platz war von chinesischen und ausländischen Touristen bevölkert. An strategischen Punkten standen jeweils zwei uniformierte bewaffnete Wachen. In Blumenkästen blühten Pfirsichbäumchen. An hohen Laternen balzten muntere Spatzen. Durch das rote Mittagstor gelangten wir in die gewaltige Anlage des Kaiserpalastes, der ehemaligen Verbotenen Stadt. Sie besteht aus einer Vielzahl von riesigen Innenhöfen, die durch wunderschöne Hallen oder so genannte Tore miteinander verbunden sind. Den ersten Innenhof oder Platz durchzieht der geschlängelte, künstlich angelegte Goldwasserfluss, über den fünf Brücken führen. Das „Tor der Höchsten Harmonie" führt zum nächsten Hof, der am anderen Ende von der „Halle der Harmonie" begrenzt wird. Die Gebäude an den Seiten dieses Platzes waren früher die Ministersitze; so waren die Minister jederzeit abrufbar, wenn der Kaiser in der Halle der Harmonie Audienz hielt. - Hinter diesem Platz liegen der eigentliche Kaiserpalast und die Paläste der Kaiserin und der Konkubinen sowie der Palastgarten. Ohne Bilder oder Filme ließe sich dies alles nur unbefriedigend beschreiben.

 

In einer anderen Gegend Beijings liegt der marmorne Himmelsaltar und -tempel, den der Kaiser zum Ernteopfer aufzusuchen pflegte. Alle Gebäude dieser Anlage sind mit glänzenden blauen Dachziegeln gedeckt, der Farbe des Himmels. Das Areal ist von zwei Mauern umgeben, einer quadratischen als Symbol der Erde und einer runden als Symbol des Himmels.

 

Abends stand die Peking-Oper auf dem Programm. Der Saal schien zu einem Hotel oder Kaufhaus zu gehören, denn wir wurden zunächst durch ein Geschäft geführt. Dann durften wir im Vorraum des Saales einigen der Schauspieler beim Schminken zusehen und sie dabei fotografieren. Die Vorstellung bestand aus einzelnen Szenen, die von einem kleinen Orchester in einer Ecke der Bühne begleitet wurden und in denen besonders viel Akrobatik und wilde Schlachten gezeigt wurden. Die Zuschauer waren ausschließlich Langnasen.

 

Ming-Gräber und Große Mauer

 

20.4.2000 (Do): Unser Bus fuhr uns in die Berge nördlich von Beijing zu den Ming-Gräbern (Ming-Dynastie: 1368 - 1644 n. Chr.). Die Hauptstraße zu allen Grabanlagen, die so genannte Seelenstraße, ist leicht geschlängelt angelegt, eine Allee aus Trauerweiden, deren Frühlingsgrün der Wind bewegte. Die berühmten Tier- und Wächterskulpturen säumen die Allee. In den Rasenanlagen sahen wir einen Trupp Gartenarbeiter und -arbeiterinnen, die sich mit großen Körben und Messern hockend fortbewegten und dabei das Unkraut ausstachen. Jedes der „Gräber" ist eine aus mehreren Gebäuden bestehende Tempelanlage. Wir fuhren zur Chang Lin (Chan-Grabanlage), deren Grab nie geöffnet wurde, in deren Museum aber wunderschöne Grabbeigaben (Vasen, Gewänder u. a.) aus der Qin Lin zu sehen waren. Wir konnten einen Turm der Anlage besteigen und von dort aus in den fernen Bergen andere Ming-Gabanlagen erkennen, deren Dachziegeln in der Sonne leuchteten. - Eine Cloisonnée-Fabrik mit Vorführwerkstatt und Verkaufsetage war der nächste (im ausgedruckten Programm nicht vorgesehene) Programmpunkt. Wir sahen, wie aus Kupferstreifen die feinsten Muster auf Vasen und andere Gegenstände gelegt und dann mit verschiedenfarbiger Emaille ausgegossen wurden.

 

Anschließend ging es zur Großen Mauer, die von einheimischen und ausländischen Touristen überlaufen war. Wir sahen von oben, wie sich die Mauer wie ein helles Band in der Ferne durch die Berge schlängelt, und genossen den kühlen Wind und den süßen Duft der überall an den Berghängen blühenden wilden Aprikosen. - Abends gab es im Restaurant Peking-Ente. Sie war der letzte Gang des mehrgängigen Menüs. Das gebratene Tier samt Kopf und Schnabel wurde im Ganzen hereingetragen und vor den Augen der Gäste in feine Querscheiben zerlegt. Jeder Gast erhielt ein kleines Schälchen mit schwarzer Sojabuttersoße, ein weiteres mit fein geschnittenem scharfem Lauch, dazu einen Teller mit Weizenfladen; in diese legt man von den Bratenscheiben, gibt Soße und Lauch darauf und wickelt sie ein. Das Ganze isst man mit der Hand.

 

Bei den Fahrten in Beijing und seiner Umgebung hatten wir schon einen ersten Eindruck von dem Unterschied zwischen chinesischen und europäischen Städten und Dörfern gewonnen.

 

WOHNEN UND BAUEN

 

Im Gegensatz zu unseren Städten sieht man in chinesischen Städten kaum Hunde oder Katzen auf den Straßen. Die Haustiere der Chinesen sind Singvögel in Käfigen oder Zierfische.

An Häusern habe ich in den Städten drei Typen gesehen: Die einstöckigen alten Ziegelbauten ohne Wasser oder sanitäre Anlagen (Man benutzt Nachttöpfe und wäscht sich in den öffentlichen Waschhäusern an den Straßenecken), die Mietskasernen (aus Ziegeln oder Beton) sowie die modernen Hochhäuser. Auf dem Lande gibt es im Norden außerdem die zweistöckigen Großfamilienhäuser der Bauern. Bei Neubauten beginnt die Wohnungsgröße bei 50 m². In Nanjing kostete im Jahr 2000 eine Neubauwohnung 1700 bis 8000 Yuan (bis 2000 DM) pro m², in Luoyang 120.000 Yuan (30.000 DM) pro Wohnung, in Beijing 5000 bis 9000 Yuan (bis 2.225 DM) pro m². Das Durchschnittseinkommen betrug im Jahr 2000 in China 2000 (500 DM) monatlich.

Die meisten Hauseingänge liegen in den Städten an schmalen Gassen, die von den Straßen abzweigen. An den Mietskasernen sieht man außen an jeder Wohnung einen Klimaanlagekasten sowie vor jedem Fenster ein stabiles Gerüst aus metallenen Wäschestangen, das von der Wohnung aus bewegt werden kann. Im Süden des Landes sind die Fensterscheiben oft aus bläulichem Sonnenschutzglas. Im Norden habe ich die blaue Verglasung nur an Bauernhaus-Treppenhäusern gesehen, die sich übrigens über das Flachdach hinaus verlängern und dort einen kleinen Aufbau bilden, der als Modeerscheinung bei den neueren Häusern wie ein „Haus auf dem Haus" mit chinesisch geschwungenem Dach gestaltet ist.

Man heizt in den alten Häusern mit Kanonenöfen, die mit „Bienenwabenkohle" gefüttert werden, das sind aus Kohlestaub gepresste runde durchlöcherte Scheiben, etwa 20 cm im Durchmesser und 7 cm dick, die von oben in den Ofen gestapelt werden. In neueren Wohnungen heizt man mit Propangas aus Flaschen.

Gebaut wird mehr, als man sich selbst in Berlin vorstellen kann. Ganze Häuserzeilen werden abgerissen, um Straßen zu verbreitern, Hochhäuser zu bauen oder Grünanlagen zu schaffen. Baukräne sind aber fast nicht zu sehen, denn sowohl der Abriss als auch der Aufbau der Häuser geschieht fast nur manuell. Die Ziegel werden losgeklopft, der Putz von ihnen abgeklopft, um sie dann zur Wiederverwendung oder zum Weiterverkauf zu stapeln. Die meisten Baugerüste bestehen aus Bambusstangen.

Die Grünanlagen sind oft mit einfallsreich gestalteten niedrigen Metall- oder Betonzäunen eingefasst, wobei die Metall- oder Betonstäbe häufig Blumenmuster bilden, die manchmal auch mehrfarbig sind.

Mauern um Grundstücke zeigen oft eine Verzierung aus Bögen und Kugeln, wie ich sie auch viel in Mexiko gesehen habe.

Tore, wunderhübsch im Ming-Stil gestaltet und bemalt, dienen öfter als Eingänge zu Straßen oder zu repräsentativen Gebäudeanlagen. Zu Fabrikanlagen führt manchmal ein Tor aus einem roten gebogenen Luftballonschlauch.

Skulpturen im öffentlichen Raum erschienen mir wie eine Mischung aus Realismus, Romantik und Jugendstil.

Befestigungsmauern aus Beton an Berghängen oder Flussufern weisen oft ein wohl mit Zement aufgetragenes Verfugungsmuster auf, das offenbar eine Steinmauer vortäuschten soll.

Geomantik (Feng Shui, sprich: fung schwäi) ist die auch unter Mao nicht ganz ausgestorbene Lehre von der rechten Anordnung und Ausformung von Häusern, Wohnungen und Wohnungseinrichtungen. Ein Beispiel, auf das wir mehrmals hingewiesen wurden, sind Hochhäuser, in denen man Tore zum Durchfliegen für den Glücksdrachen gelassen hat, oben, unten oder mittendrin.

Wichtig für das Wohnen sind auch Bonsai-Bäume. Man kann sie sogar mieten, einschließlich der Pflege.

 

PFLANZEN UND TIERE IN BEIIJING UND UMGEBUNG

 

Wer mich kennt, der weiß, dass ich unterwegs immer meinem Hobby nachgehe und akribisch alles notiere, was da wächst, kreucht und fleucht. Hier ist meine erste Liste:

Pappeln als Straßenbäume; weiße „Blüten" fielen gerade wie Schnee; man will die weiblichen Bäume wegen Verkehrsgefährdung abschaffen, sagte man uns. (Da Pappeln keine weißen Blüten haben, muss das fallende Weiß wohl der wollige Haarschopf der Früchte gewesen sein, die offenbar hier früh reifen). Auch Ginkgo gab es als Straßenbaum. Trauerweiden sahen wir, wie beschrieben, am Seelenweg zu den Ming-Gräbern, Eichen am Chang-Grab. Es gab weiß blühende Apfelplantagen zu sehen, rosa blühende Pfirsichplantagen, gefüllte Pfirsichblüten an Zierbäumen; wilde, weiß blühende Aprikosenbäume in großen Mengen bei der Großen Mauer. Auf Beeten in den Grünanlagen fielen mir Ringelblumen und Stiefmütterchen auf. Private Blumenbeete habe ich fast nirgends in China gesehen.

An Vögeln sah ich Spatzen, Elstern und einen schlanken, sehr schwarzen Rabenvogel mit sehr langem Schwanz und bunten Flügelrändern. Auf der Großen Mauer saß ein schwarzer Marienkäfer mit roten Punkten.

 

Hangzhou und Umgebung

 

21.4.2000 (Fr): Von Beijing flogen wir nach Hangzhou, etwas südlich von Shanghai gelegen. Als erstes führte man uns zu einem Felsenberg mit mehreren Höhlen und Tunneln, an deren Wänden sich einige Originale und viele den berühmtesten Buddha-Darstellungen nachempfundene Reliefs und Skulpturen befanden. Wir hörten die Legende vom fliegenden Berg, der die Menschen bedroht hatte und der erst dann ruhig und ungefährlich an dieser Stelle liegen blieb, als ein Mönch dafür sorgte, dass über Nacht schnell, ehe der Berg wieder abheben konnte, eine Buddha-Darstellung in den Fels gehauen wurde.

Das Kloster der Seelenzuflucht, eine buddhistische Anlage aus drei Gebäuden, die früher sehr viel größer gewesen war, festigte unsere Kenntnis der obligatorischen Wächterfiguren und Buddha-Darstellungen.

Auf einer Teeplantage bei Hangzhou umgarnte uns eine strahlende junge Frau mit geschultem Maß an Handbewegungen und Energie so überzeugend, dass nach dem belehrenden Vortrag, der Verköstigung und Anpreisung des Tees erstaunlich viele Teilnehmer etwas von dem teuren Produkt mit in ihr Reisegepäck nahmen. (Das sollte nicht der letzte Einkauf sein, der später das Tragen so mühsam machte!) Nebenan befand sich „zufällig" auch ein Geschäft mit Seidenwaren.

 

TEE TRINKEN

 

Der Tee, den wir auf dieser Plantage angeboten bekamen, nannte sich Drachenbrunnentee und war natürlich der beste, den es gibt. Geerntet werden nur die jungen Blätter und die Blattspitzen. Der im Frühling geerntete Tee ist der beste. Die grünen Blätter werden zum Trocknen in einer Trommel bei etwa 80°C mit der Hand ständig gewendet. Der Mann, den wir bei dieser Arbeit sahen, sitzt dort etwa 10 Stunden am Tag. Damit ist der grüne Tee fertig. Schwarzer Tee wird durch Fermentieren hergestellt. Beide Sorten entstehen also aus der gleichen Pflanzenart, dem Teestrauch. Jasmintee dagegen entsteht durch Aufbrühen von Jasminblüten, nicht zu verwechseln mit dem bei uns „Jasmin" genannten Pfeifenstrauch. - Schwarzen Tee trinkt man aus einer Tasse mit Deckel, grünen Tee dagegen aus einem Glas ohne Deckel. Wir lernten, den grünen Tee zu trinken: Er wird mit heißem, aber nicht kochendem Wasser direkt im Glas aufgegossen. Den ersten Aufguss soll man mit der Nase genießen und nur wenig davon abtrinken. Dann wird das Glas wieder voll gegossen. Diesen zweiten Aufguss soll man schlürfen und schmecken. Den dritten Aufguss dann soll man mit den Augen genießen: Man soll zusehen, wie die Blätter sich im Glas entfalten. - In der Praxis haben wir oft Menschen unterwegs gesehen, die säulenförmige Trinkflaschen mit sich herumtrugen, in denen unten die Teeblätter zu erkennen waren. Es muss Orte geben, an denen man sich heißes Wasser holen oder nachgießen lassen kann. Später im Teehaus und auch auf der Bahnreise wurde uns in dem einmal bestellten Teeglas mehrmals unaufgefordert heißes Wasser nachgeschenkt.

 

Weiter wurden wir in der Umgebung von Hangzhou zur Sechs-Harmonien-Pagode gefahren. Oberhalb davon liegt am Hang eine Art Freiluftmuseum mit Miniaturnachbildungen berühmter Pagoden, das Pagodenmuseum. Daneben ist ein hübscher Bonsaigarten angelegt. Beim Abstieg hatten wir einen schönen Blick auf den so genannten Zickzackfluss mit regem Schiffsverkehr unter der doppelstöckigen Brücke (untere Etage für die Bahn, obere Etage für die Autos). Der Fluss verbindet den Kaiserkanal mit dem Gelben Meer. Einmal im Jahr, um den 18. August herum, gibt es im Fluss eine Springflut, die sich Touristen aus ganz China ansehen kommen.

 

22.4.2000 (Sa.): Auf dem Programm stand das Grabmal des Generals Yue Fei, eine schöne Tempelanlage unter herrlichen schattigen Bäumen; später am Tage eine Schiffsfahrt auf dem viel besungenen, leider recht diesigen Westsee. Einige von uns waren schon am vorhergehenden Abend, andere am frühen Morgen zum hotelnahen Ufer des Westsees gegangen - dem beängstigenden Straßenverkehr trotzend - um ihn in der unter- bzw. aufgehenden Sonne zu genießen und um den Menschen bei ihren gymnastischen und tänzerischen Übungen im Park zuzusehen.

Ein Erlebnis war der anscheinend spontan vom örtlichen Reiseleiter eingeschobene Besuch eines Blumen- und Vogelmarktes: Eine große Auswahl an Pflanzen gab es dort; fast alle, einschließlich der Kakteen, wurden ohne Topf oder Erde angeboten, sie lagen mit bloßgelegten Wurzeln zum Verkauf aus. Es gab hübsche Blumenübertöpfe, auch kitschige; Bonsai-Arrangements in Töpfen; technische Vorrichtungen für kleine Springbrunnen; Fische in großer Auswahl, ebenso Singvögel, die Haustiere der Chinesen. Auch Kätzchen waren im Angebot sowie eine große Abteilung mit Jadefiguren. Handeln (Feilschen) gehört zum Geschäft. Ausländische Touristen erhalten einen kleinen Schreibblock und einen Stift, und beides wird so lange mit Zahlen beschrieben hin- und hergereicht, bis man sich einig ist. Auf der Straße vor dem Markt schienen sich diejenigen Händler niedergelassen zu haben, die zum eigentlichen Markt nicht zugelassen waren; ärmlich aussehende Menschen saßen am Straßenrand auf dem Boden, Garküchen auf einfachen Karren boten ihre Speisen an. In China sind alle Mahlzeiten warm. Das ist hygienisch sicher eine sinnvolle Sache, und die Vielfalt und Schmackhaftigkeit kann man gar nicht genug rühmen! Es ist bewunderungswürdig, mit welch einfachsten Mitteln und mit welch einem Erfindungsreichtum die Menschen in China für sich und ihre Mitmenschen ein menschenwürdiges Dasein zaubern. Der Herd in solch einer Garküche zum Beispiel besteht aus einem zylinderförmigen Blechkanister, in dem sich unten eine kleine Tür für die Feuerung befindet und an dem man drei bis vier Blechbeine oder -füße befestigt hat.

 

LANDSCHAFT UND PFLANZEN AB HANGZHOU

 

Auf der Bahnfahrt nach Shanghai zeigte man uns Bauernhäuser, wie sie die durch Landverkauf wohlhabend gewordenen Bauern errichten. Sie wirkten auf uns wie Kleinstadthäuser. Wie in unseren Kleinstädten sind sie zweistöckig und stehen zu mehreren nebeneinander. Sie beherbergen jeweils eine Großfamilie. Die Felder liegen neben dieser Häuseransammlung oder auch weiter entfernt. Alle Feldarbeit ist Handarbeit, also eher eine intensive Gartenarbeit. Damit wird die 1,2-Milliardenbevölkerung (Stand: 2000) ernährt. Das Land ist reichlich von Kanälen zur Bewässerung durchzogen, die oft gekrümmt oder geschlängelt sind, was mir als eine kluge Einrichtung erscheint, weil dadurch der natürliche Verlauf eines Flusses nachgeahmt wird, die Fließgeschwindigkeit reduziert und die Erosion von Land verhindert wird, wenn nach heftigen Regenfällen die Kanäle gefüllt sind.

Wir sahen viele viereckige Fischteiche, etwa wadentief. Darin steckten Bambusstangen zum Befestigen der Fischreusen. Zwei Methoden des Fischfangs in diesen Teichen habe ich beobachtet: Einmal mit einem Käscher, wobei der Bauer im Teich stand; einmal mit einem breiten Netz, das von mehreren Männern, die an zwei einander gegenüber liegenden Ufern standen, sehr langsam durch den ganzen Teich gezogen wurde.

Ab Luoyang sahen wir Frühbeete aus Bambusstangen, mit Plastikfolie überzogen. Das Bambusgerüst besteht aus einer Reihe halbkreisförmig gebogener Stangen, die einen Tunnel bilden und oben durch eine lange Stange zusammengehalten werden. - Es gab auffallend viele Neuanpflanzungen von Bäumen und Sträuchern, besonders an den Straßenrändern als Alleebäume oder -sträucher. Der auffallendste Baum, die Paulownia, wirkt durch den rosafarbenen, aufrecht stehenden Blütenstand von weitem wie eine Kastanie, aber von nahem kann man große, kelchartige Blüten bewundern. An Bäumen sahen wir außerdem tannenförmige Pappeln, Kiefern, Kamelien und Fächerpalmen; an Sträuchern Maulbeerbuschplantagen und recht häufig in den Chinesischen Gärten den gelb blühenden Jasmin. Wir fuhren vorbei an Bambusanpflanzungen und an gelb blühenden Rapsfeldern. Auf einer Insel im Westsee und auch später noch gelegentlich sah ich den rosarot blühenden Sauerklee (Oxalis), einen Verwandten unseres kleinen, im Wald weiß blühenden. Gras wird anscheinend nicht, wie bei uns, gesät, sondern in Büscheln angepflanzt. Es ist auch eine andere Grassorte als bei uns, blaugrün und durch das Büschelige nicht ganz flächendeckend.

 

Shanghai

 

Am 22.4.2000 (Sa.) fuhren wir abends mit der Bahn in bequemen, reservierten Abteilen in zwei Stunden von Hangzhou nach Shanghai. Wie in jeder neuen Stadt empfing uns am Bahnhof der örtliche Reiseleiter, der wie seine Kollegen und Kolleginnen für den reibungslosen Ablauf des dort vorgesehenen Programms sorgte. Vor Ort hatten wir jeweils einen eigenen Reisebus zur Verfügung. Noch am Abend fuhren wir durch die romantisch beleuchtete Altstadt Shanghais, die im Ming-Stil wieder aufgebaut ist, und durch die Bund-Straße, die repräsentative Straße der Kolonialzeit, neben der auch die Hafenpromenade entlangläuft, auf der man sieht und gesehen wird.

 

Am nächsten Tag, dem 23.4.2000 (Ostersonntag), mischten wir uns am Nachmittag dort unter die einheimischen und ausländischen Touristen. Bestimmt hält man uns in China für pervers, denn unsere Reisegruppe konnte gar nicht genug Bilder von den niedlichen kleinen Chinesenkindern bekommen, am liebsten von hinten, wo ein großer Schlitz im Höschen das Verrichten der Notdurft erleichtert. Anschließend wurde eine Hafenrundfahrt angeboten. Ganze Ketten riesiger Schleppkähne, Kolonien von Hausbooten, große Kreuzer, Touristenboote, Fischerkähne, alles tummelt sich im Mündungsgebiet des großen Yangzi-Flusses. Beeindruckend ist die Schrägseilhängebrücke über dem Huan-Po, mit den Zufahrten 8 km lang; die Hauptbrücke alleine hat eine Länge von 602 m. Vom Schiff aus hat man auch einen guten Blick auf die gewaltigen Neubauviertel mit ihren architektonisch beeindruckenden Hochhäusern.

Shanghai ist wahrscheinlich die größte Baustelle der Welt. In Berlin wird dagegen nur ein bisschen gebuddelt. Die Autobahnen der Stadt sind im großen Stil angelegt, herrliche Blumenanlagen schmücken oft die Autobahnkleeblätter. Zu beiden Seiten der Stadtautobahnen in Shanghai befinden sich große Brüstungen, die wie Balkone mit Blumenkästen behängt sind, in denen die Jasminsträucher gerade gelb blühten. Andererseits wird der Autoverkehr durch drastische Maßnahmen eingeschränkt: Die Autozulassung kostet so viel wie ein neues Auto. Taxi fahren ist billiger. Die meisten Menschen in China fahren jedoch mit dem Fahrrad. Shanghai hat ein kleines U-Bahnnetz. Eine S-Bahn war gerade als Hochbahn gebaut worden, aus Berlin sollten S-Bahnwagen zur Probe kommen.

Aus unserem Bus heraus konnten wir in dieser warmen Stadt die Menschen in den Hauseingängen sitzend ihre Arbeit verrichten sehen: eine strickende Frau; eine, die kleine Fische säuberte und zurechtschnitt; einen Zimmerer beim Sägen eines Brettes in seiner zur Straße offenen Werkstatt.

Im Foyer unseres Hotels hatte man für die westlichen Gäste zu Ostern einen Käfig mit frisch geschlüpften Hühnerküken und ein paar niedlichen Kaninchen aufgestellt. Freuen konnten wir uns nicht daran, denn trotz der Rotlichtlampe lagen immer wieder tote Küken im Käfig.

An diesem Tag war auch ein buddhistischer Feiertag. Im Hof des Jadebuddhatempels, den wir morgens besichtigten, drängte sich die Menge, um Rauchopfer darzubringen. Eine Gruppe von Arbeiterinnen in einheitlichen Kostümen hatte einen Tanz einstudiert, den sie mitten in der Menge am Räucheraltar aufführte. Den kostbaren, ganz aus Jade geschnitzten Buddha und seine Geschichte will ich hier nicht beschreiben, dafür gibt es ja die guten Reiseführer mit wunderschönen Abbildungen.

Nach einem Rundgang durch die Altstadt lernten wir den ersten Chinesischen Garten kennen, den Yu-Garten mitten in der Stadt. Nach der Besichtigung ruhten wir uns im dortigen Teehaus aus. Über der Zickzackbrücke, die über den obligatorischen Teich zum Teehaus führt, schlängelte sich noch ein riesiger rot-orangener Drache aus Papier und Stoff, der vom chinesischen Neujahrsfest übrig geblieben war. Zickzackbrücken werden übrigens gebaut, um die bösen Geister fern zu halten, denn die können nur geradeaus gehen (oder fliegen). Innen konnten wir unsere in der Teeplantage neu erworbenen Kenntnisse über das Teetrinken anwenden.

 

24.4.2000 (Ostermontag): Für das Shanghai-Museum sollte man sich ein bis zwei Tage Zeit nehmen. Wir hatten nur wenige Stunden. Mittags wurden wir in eine Jadefabrik, einen Handwerksschaubetrieb mit Verkaufsetage, geführt, die wieder zufällig neben unserem Restaurant lag, sogar im selben Haus. Das Mittagessen, ein mongolisches Barbecue, war uns groß angepriesen worden. Nachdem wir bis dahin zweimal täglich in oft hübschen Restaurants oder Hotels die leckersten Speisen aufgetischt bekommen hatten, war das Ambiente hier zunächst eine Enttäuschung. Es glich eher einer mit langnasigen Touristen bevölkerten Fabrikhalle. Man nahm sich eine Schale und bediente sich ähnlich wie in einem Supermarkt selbst, indem man Fleischstücke, Gemüse, Salat und diverse Soßen nach Wahl in die Schale füllte. Diese trug man zu den Köchen. Hier wurde es interessant: Um eine große heiße Platte herum standen vier Köche. Der erste nahm einem die Schale ab und schüttete den Inhalt auf sein Plattenscheibenviertel, drehte und wendete ihn, kratzte ihn zusammen und schob ihn weiter zum zweiten Koch, der entsprechend verfuhr, und so weiter, bis der vierte Koch das fertige Produkt, nun erheblich zusammengeschrumpft und gar, zurück in die Schale füllte, die man entgegennahm und zu seinem Platz trug, an dem ein Mitreisender das Handgepäck bewacht hatte.

 

Suzhou und seine Gärten

 

Nach einer Stunde Bahnfahrt kamen wir gegen Abend in der Gartenstadt Suzhou an, dem Venedig Chinas. Im Gegensatz zu den schlichten modernen Kastenhäusern, denen wir bis dahin begegnet waren, sahen wir hier, wie auch schon während der Bahnfahrt, oft Häuser mit traditionell geschwungenen Dächern, wobei das Geschwungene meist nur ansatzweise vorhanden war; die Stelle des Drachens, der traditionsgemäß am Ende der schwungvollen Verzierung sitzt, nahm hier oft ein geschnitztes Menschengesicht oder ein geschnitzter Vogel ein. Einmal war ein Vogel sozusagen in das angedeutete Drachenmaul hineingesetzt worden.

Am Bahnhof erwartete uns am parkenden Bus eine Gruppe Frauen, die uns lebhaft ihre Waren anboten, z. B. Rückenkratzer aus Holz oder faltbare Strohhüte (Fabrikware, übrigens ideal für Wanderer); solche Hüte sah ich später auch auf den Köpfen von Arbeiterinnen in den öffentlichen Gartenanlagen.

 

Am 25.4.2000 (Di.) sahen wir zwei der schönsten Chinesischen Gärten, zunächst den Garten des Meisters der Netze, kleiner als 500 m² und doch alles enthaltend, was für einen chinesischen Garten wichtig ist:

 

GARTENSYMBOLIK

 

Das Wichtigste sind Felsen, Wasser und Bäume. Felsen stehen für die Berge, Wasser für das Meer, Bäume für den Wald. Die ganze Natur soll in einem kleinen Garten eingefangen werden. Riesige von der Natur geformte Steinblöcke werden von weit her herangeschafft, um diese Gärten zu schmücken, zum Beispiel werden große Steine vom Grund eines Sees heraufgeholt, wo das Wasser Jahrhunderte oder Jahrtausende lang an ihnen gearbeitet hat. Je älter der Stein, desto wertvoller ist er. Im Garten werden oft mehrere Blöcke miteinander verklebt, früher mit einer Mischung aus Kalk und Klebreis, heute mit Zement, um sie zu einem Kunstwerk zu vereinen.

Pflanzen werden gern in drei Ebenen angeordnet: Bäume - Büsche - krautige Pflanzen. Auch an Alleen haben wir eine Abwandlung solcher Bepflanzung gesehen, z. B. eine Reihe hoher Pappeln; davor eine Reihe Spitzahorn, abwechselnd je ein rotblättriger und ein grünblättriger Baum; davor eine Reihe blühenden Rhododendrons. Warum hat man in unserem reichen Land kein Geld für solche Schönheit?

In einen Chinesischen Garten gehören auch Lauben, ein Teehaus und Stätten der Besinnung, vielleicht eine Bibliothek. In und an diesen Gebäuden können nun weitere Symbole sprechen. Eine Fledermaus z. B. bedeutet Glück, weil die chinesischen Worte für Fledermaus und Glück gleich lautend sind. Runde Formen bedeuten Vollkommenheit und auch die Zusammengehörigkeit der Familie. Bambus darf übrigens in keinem Garten fehlen, er steht für Elastizität, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Dies, sagte unser örtlicher Reiseleiter in Suzhou, sind die Eigenschaften der Chinesen.

 

Als nächstes stand wieder eine Fabrik mit angeschlossener Verkaufsetage auf dem ungeschriebenen Programm, diesmal eine Seidenspinnerei oder, wie unser deutscher Reiseleiter sagte, eine Seidenkokonaufribbelfabrik. Die verpuppten Seidenraupen werden in heißem Wasser getötet, ehe der Schmetterling schlüpfen und so den Faden zerstören kann, der 800 bis 1200 m lang ist. Wir sahen die Arbeiterinnen, wie sie die Fäden mehrerer im Wasser liegender Kokons gleichzeitig in die Hand nahmen und einer Düse zuführten, wo sie offenbar angesaugt wurden. Auf diese Weise werden etwa 8 bis 10 Fäden zu einem dickeren Faden verzwirbelt, später vier dieser Fäden zu einem noch dickeren. Mit diesem Seidenfaden kann man dann ein Gewebe herstellen. Dies erfuhren wir jedoch nur in der Theorie. Man führte uns dann in einen Schauraum, wo Rohseide in Steppdecken gefüllt wurde. Jeweils vier Arbeiterinnen zogen das filzige Material auf einem Tisch in vier Richtungen auseinander. Mir tat der Rücken schon beim Zusehen weh. Eine ältere Arbeiterin, die ich nicht so schnell vergessen würde, wirkte auf mich mit ihrem eingefrorenen Dauerlächeln wie eine höhere Tochter alter Schule. Vielleicht war sie es ja auch. Draußen in einem kleinen Innenhof sah ich an einem Maulbeerbuschblatt eine einsame entkommene Seidenraupe sitzen.

Suzhou, das Venedig Chinas, liegt an den vielen Seitenarmen des Kaiserkanals, der vom Yangzi-Delta nach Beijing führt. Mit kleinen Booten wurden wir durch einige dieser Kanäle gefahren, ein Eindruck, den man mit Worten ohne Bilder kaum wiedergeben kann. Der Kanal dient natürlich dem Transport von Gütern. Gesehen habe ich auf einigen Booten: Ziegelsteine, wohl von Abrisshäusern; Gemüse, das auf einem Gemüsemarkt am Ufer verkauft wurde; und immer wieder Müll. Die Häuser am Kanal und den Kanälchen wirkten ärmlich, aus den Mauern wuchs Unkraut, aber oft sah man selbst auf einer halb verfallenen Mauerbrüstung noch ein paar Blumentöpfe. Ein bewegender Anblick: Ein uraltes Ehepaar bewegte mit riesigen Bambusstangen mühsam seinen viel zu großen Kahn. Der Kahn sah leer aus. Wovon leben sie? fragte ich mich.

Wir gingen an Land und besichtigten die alte Stadtmauer von Suzhou, die zu der Zeit, als Suzhou Hauptstadt war, mit acht Toren errichtet wurde. Sie hat Zinnen ähnlich denen auf englischen Kirchtürmen, ist aus Ziegeln gemauert und erlaubte damals den Zugang sowohl zum Kanal als auch zum Land. Die acht Tore symbolisierten acht Krabbenbeine (Krakenbeine?). Wenn die Krabbe (Krake?) sich bewegt, gibt es Krieg, hieß es. Daher war ein Tor immer geschlossen. Heute ist nur noch ein Tor übrig.

Am Nachmittag bekamen wir das Prachtstück, den Garten des einfältigen (bescheidenen) Beamten, zu sehen. Dieser Mann war zu gut für seine intrigierenden Kollegen gewesen, hatte sich in den vorzeitigen Ruhestand begeben und diesen Garten anlegen lassen. Beamte waren zu Kaiserzeiten z. B. Provinzgouverneure, Minister, Richter. Sie mussten ethisch integer sein, denn sie waren die Vertreter des Kaisers vor Ort. Vor ihrer Einstellung mussten sie eine Prüfung auf konfuzianischer Grundlage ablegen. Aber auch im alten China menschelte es. Der Sohn des „einfältigen" Beamten verlor Vaters schönen Garten beim Glücksspiel. - In diesem Garten sind drei Fünftel Teich und Deich. Der zentrale See mit den felsigen Ufern ist ein Sinnbild für das Östliche Meer, wo die Acht Unsterblichen auf einer Insel leben.

Abends fuhren wir mit der Bahn nach Nanjing.

 

Nanjing

 

26.4.2000 (Mi): Auf den verschiedenen Busfahrten durch die Stadt erfuhren wir vom örtlichen Reiseleiter unter anderem dies: Diese „mittelgroße" Stadt hat 5 Millionen Einwohner. Vom 3. bis 15. Jahrhundert n. Chr. war sie Hauptstadt. Zeitweilig war dann Beijing, das im 15. Jahrhundert Hauptstadt wurde, schon Nebenhauptstadt. Der Name Nanjing bedeutet Südliche Hauptstadt. Jetzt ist Nanjing Provinzhauptstadt. In diesen alten Städten gibt es jeweils einen Trommelturm und einen Glockenturm. Vom Trommelturm aus wurde Alarm ausgelöst.

In dieser Gegend werden „Regenblumensteine" verkauft, Achat ähnliche, fein gemusterte und fast durchsichtig wirkende Steine, die im Wasser eine Art Blumenmuster zeigen. Man findet sie im Yangzi-Fluss. Oft werden allerdings plumpe Nachbildungen angeboten.

Typisch erschien mir in Nanjing, dass viele weiße Mauern oben und unten mit einem breiten hellblauen Streifen verziert waren. Viele Bürgersteige waren mit farbigen, oft zu Mustern gelegten Fliesen gepflastert.

Man fuhr uns durch einen riesigen, wunderschönen Wald, dessen Flora heimisch wirkte, in die Purpurberge zum Sun-Yatsen-Mausoleum. Sun Yatsen gründete am Anfang des 20. Jahrhunderts die erste Republik in China. Erst lange nach seinem Tod erinnerte man sich seiner wieder und errichtete ihm zu Ehren diese prächtige Anlage im Stil der königlichen Paläste und der königlichen Gräber. Breit ausladende Himalaja-Zedern (deren Nadeln denen unserer Lärchen ähneln) säumen die Allee, die zum Mausoleum führt. Die untere Etage der Alleebepflanzung ähnelte im Blatt dem Rizinus, aber diese strauchigen Pflanzen hatten kugelige Doldenfruchtstände mit blauen Beeren. Am Rande der Allee zupften und hackten Männer in Tarnanzügen Unkraut aus. Abseits unter den Jungbäumen sah ich andere mit Kanistern auf dem Rücken und Sprühstangen in der Hand offenbar Unkrautvernichtungsmittel sprühen. Der Gebäudekomplex des Mausoleums, eine Anlage aus Toren und Hallen, die durch endlose Treppenstufen miteinander verbunden sind, ist mit leuchtend blauen Ziegeln gedeckt.

In der Nähe befindet sich die älteste Seelenstraße Chinas. Wegen ihres Alters ist sie nicht in so gutem Zustand wie die bekannte Seelenstraße zu den Ming-Gräbern nördlich von Beijing. Sie führt zum Grab des ersten Ming-Kaisers. Auch an dieser Seelenstraße gibt es je zwei Tierpaare. Ich beobachtete, dass die Elefantenköpfe die Form indischer Elefanten haben, die Ohren aber etwas größer sind als die indischer, wenn auch kleiner als die afrikanischer Elefanten. Die Steinkamele sind zweihöckerig. Interessant ist das Fabeltier: Es hat gespaltene Hufe, Schuppen und eine Löwenmähne.

Im Süden der Stadt Nanjing erstiegen wir das in der Ming-Zeit als Festung erbaute Stadttor. Es besteht aus drei Mauerreihen mit je einem Tor. Beim Hindurchschauen entsteht der Eindruck von sechs Toren. Darüber schwebte gerade, China gemäß, ein bunter Drache. Im Norden Nanjings war es nicht nötig gewesen, die Stadtmauer dermaßen zu befestigen, da die Purpurberge als Schutz dienten.

Stolz zeigte man uns dann die im Jahre 1968 ohne ausländische Hilfe unter Mao erbaute doppelstöckige Yangzi-Brücke. Ein Aufzug fährt die Touristen auf eine windige Plattform hoch über diesem Wunderwerk, das man mitsamt dem gewaltigen Yangzi-Fluss und seinem Schiffsverkehr von oben betrachten kann. Am meisten hat mich allerdings die offenbar selbst erfundene Reuse eines Fischers am Ufer beeindruckt, die aus feinen Bambusstäben konstruiert war und eine mechanische Vorrichtung besaß, durch welche dieses mehrere Meter breite Konstrukt bei Bedarf über dem Wasser angehoben werden konnte.

Unsere erste Nachtfahrt mit der Bahn führte uns nach Luoyang.

 

BAHN FAHREN

 

In China fährt man entweder „harte Klasse" oder „weiche Klasse". Für langnasige Touristen ist das Beste gerade gut genug. Unsere Abteile waren gepolstert, Spitzendeckchen zierten die Sitzlehnen, Spitzengardinen die Fenster, die zusätzlich über blickdichte Vorhänge verfügten. Auch Tischdecken fehlten nicht; auf der Fahrt nach Kunming ein paar Tage später waren es Batistdeckchen, die mit rosa Blüten und hellgrünen Ranken und Blättchen bestickt waren. Oft spielte sanfte Musik, chinesische oder auch westliche Softmusik mit chinesischen Texten. Auf Bestellung wurde Tee serviert, der immer wieder mit Wasser aufgegossen wurde. Die Fahrkartenkontrolleure, weiblich, in adretten Uniformen, fungierten zugleich als Serviererinnen und anschließend als Verkäuferinnen von Seidentüchern, Armbanduhren oder auch Schmucksteinen, letzteres wohl als zusätzliche Erwerbsquelle. Bei längeren Fahrten wischten sie zwischendurch den Fußboden auf. Die Fenster allerdings waren immer so schmutzig, dass ich leider im Westen des Landes die herrliche Lößlandschaft nicht von der Bahn aus filmen konnte. In jedem Wagen gab es zwei Typen von Toiletten: An einem Ende des Waggons befand sich die chinesische Hocktoilette, hygienisch die ideale Lösung, aber für Kniekranke schmerzlich bis unmöglich zu benutzen. Manchmal stand ein Eimer Wasser daneben zum Nachspülen und vielleicht auch zum Händespülen. Am anderen Ende gab es eine Sitztoilette mit Brille, im Nebenraum ein bis mehrere Wasserhähne, gelegentlich auch Seife. Diese „westliche" Toilette mit dem anschließenden Waschraum gab es aber nur im Schlafwagen. Außer vier Inlandflügen (Beijing - Suzhou, Xi-an - Chengdu, Kunming - Guilin, Guilin - Honkong), einer Bus-Tagesfahrt (Chengdu - Leshan) und vier Bahnfahrten am Tage standen auf unserm Programm auch zwei Nachtfahrten mit der Bahn. Wir schliefen dann in Viererabteilen. Unser deutscher Reiseleiter achtete darauf, dass das Wer-mit-wem vorher genau feststand. Entgegen der Warnung in dem wohl veralteten Informationsmaterial des Reiseveranstalters fanden wir stets sauber bezogene Betten vor. Auf der Fahrt nach Kunming genossen wir den Luxus von zwei Kopfkissen mit Volants und grünem Blattmuster. Das Frühstück nahmen wir nach den Nachtfahrten in unserem nächsten Hotel ein, in dem auch jedes Mal schon die Zimmer bezogen werden konnten. Die Planung war hier, wie immer, perfekt.

 

Während der Bahnfahrten genossen diejenigen, die nicht schliefen, die abwechslungsreiche Landschaft des riesigen Landes. Auch in den Städten und den Chinesischen Gärten machte ich mir Notizen von dem, was Wurzeln und Beine hat:

 

PFLANZEN UND TIERE AB SHANGHAI

 

Während wir zwischen Shanghai und Luoyang im subtropischen Gebiet Richtung Westnordwest reisten, sahen wir an Bäumen z. B. diverse Palmen - solche mit gelben oder schwarzen Fruchtständen; auffallend war auch eine hochstämmige Fächerpalme, deren Stamm geringelt wirkt, wobei jeder hellgelbe Rindenring oben einen braunen Rand hat; ihre Blütenstände oder beginnenden Fruchtstände sind tannenbaumförmig und hellgelb. Es gab Bäume mit Blättern ähnlich denen der Linde, aber mit Schoten (Hülsenfrüchten); viele Platanen als Straßenbäume; in der bergigen Gegend um Luoyang verstreut wachsende und auch als Alleebäume angepflanzte, zu der Zeit gerade weiß blühende Robinien (Pseudoakazien, bei uns oft Akazien genannt). Der gelbe „Akaziensamentee", den wir in der Gegend des Shaolin-Klosters bekamen, bestand vermutlich aus aufgebrühten Robiniensamen. Pfirsichbäume sahen wir oft als Plantagen. Auf vielen Feldern wuchsen Stangenbohnen, Kürbisse, Gurken (Zucchini?). Reisfeld an Reisfeld wurde gerade bepflanzt. In den Gartenanlagen der Städte blühten blaue Schwertlilien, an Wegrändern kleinblütiger gelber Sauerklee (Oxalis).

In China vom Aussterben bedrohte Tiere, die wir nicht gesehen haben, sind der Panda, im Süden der Tiger, in den westlichen Bergen ein blonder Affe mit blauer Augenzeichnung, der vom Reiseleiter scherzhaft mit den blonden, blauäugigen Touristen verglichen wurde, die aber keineswegs vom Aussterben bedroht zu sein scheinen, sondern im Gegenteil heftig zunehmen. An Vierbeinern haben wir nur zwei Arbeitstierarten gesehen - selten ein Pferd, häufig in den Reisfeldern den Wasserbüffel als Zugtier von Pflug oder Egge. - An Haustieren sahen wir öfter weiße Ziegen, selten Kühe; große Herden weißer Enten, auch weiße Gänse und meist braune Hühner. Tauben, grau geringelt oder weiß, hielten sich meist in der Nähe von Gehöften auf. Die meisten Singvögel wurden unter Mao als Weizenfresser ausgerottet; auf einer Insel im Westsee hörte ich welche singen. Bei Luoyang gab es viele Mehlschwalben. Überall tummelten sich, wie bei uns, die Spatzen. Eine hübsche schwarze Kolibri-Art sah ich besonders in den Gärten von Suzhou, aber auch anderswo; beim Fliegen zeigen sie hinten weiße „Augenflecke", und der bräunliche kurze Schwanz wirkt wie eine Nase oder ein Maul - ein hübsches Beispiel von Mimikry. An Insekten fielen mir riesige Zikaden auf, so lang wie mein Zeigefinger, die laut von den Bäumen beim Sun-Yatsen-Mausoleum in der Nähe von Nanjing zirpten.

 

Luoyang und Longmen-Grotten

 

Am 27.4.2000 (Do) kamen wir also mit dem Nachtzug in Luoyang an. In der Shang-Dynastie (16. bis 11. Jahrhundert v. Chr.) lag Luoyang im Zentrum des alten Reiches und war dessen Hauptstadt. In dieser Gegend gibt es Funde von Schildkrötenpanzern mit Inschriften aus der Bronzezeit. Heute (Stand: 2000 n. Chr.) ist Luoyang eine lang gestreckte mittelgroße Stadt mit 800.000 Einwohnern; mit der Vorstadt sind es 1.200.000. An Industrie gibt es Traktoren- und Autoproduktion und die größte Glasfabrik Asiens. Luoyang liegt in einem Becken zwischen vier Bergen. Vier Nebenflüsse des Gelben Flusses fließen durch die Stadt. Zum Klima erfuhren wir: Im Januar beträgt die Durchschnittstemperatur 4°C. Zwei bis drei Mal im Winter gibt es Schnee. Die durchschnittliche Temperatur im Juli ist 30°C. Frühling und Herbst sind sehr kurz. - Luoyang ist die Päonienstadt; die Pfingstrose und ihre Verwandten waren gerade am Verblühen. Berühmt ist hier auch der Doukan-Schnaps (sprich: do-u-kan, Betonung auf der letzten Silbe). Der Sage nach brachte Doukan ihn vom Himmel. Ein Säufer, der zuviel davon trank, schlief daraufhin drei Jahre lang. Folglich empfiehlt sich das Getränk als Schlafmittel. - Die Stadt hat ein großes „arabisches Viertel", in dem Moslems wohnen, die sich aber lediglich in der Religion, nicht aber im Aussehen oder in der Kleidung von den übrigen Chinesen unterscheiden. - Wir sahen in Luoyang hübsche, geflieste Bürgersteige mit eingelegten Mustern in anderer Farbe, z. B. grüne oder weiße Päonienblüten auf rotem Grund, dann wieder rote Rauten oder Quadrate auf grünem Grund. Auch geflieste viereckige Baumscheiben habe ich gesehen.

Die berühmten Longmen-Grotten in der Nähe von Luoyang liegen beim „long men", dem Drachentor, einem etwa unserer Porta Westfalica vergleichbaren „Tor" aus zwei nicht sehr hohen Bergen, zwischen denen der Yi-Fluss hindurchfließt. Die Grotten sind eigentlich Nischen im Felsen, unterschiedlich tief oder auch flach. Im Jahre 493 n. Chr. wurden dort die ersten Buddha-Figuren in den Fels gehauen, jetzt sind es tausende in der Größe zwischen 2 cm und mehreren Metern. Hier ist wieder etwas, was sich nicht beschreiben lässt - man muss es einfach gesehen haben. Wir wurden auf zwei unterschiedliche Stile aufmerksam gemacht: In der nördlichen Wei-Dynastie (um 500 n. Chr.) stellte man Buddha mit einem länglichen Gesicht und einer langen Nase dar. In der Tang-Dynastie (6. Jahrhundert n. Chr.) bekam der Buddha, entsprechend dem damaligen Schönheitsideal für Frauen, eine rundliche Statur mit drei Querfalten am Hals. Die Buddhas sitzen oft im Lotossitz auf einer Lotosblüte. Diese Art des Sitzens mit verschränkten Beinen erklärt sich dadurch, dass es in China bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. keine Stühle gab. - Im Torbogen einer der Nischen aus dem späten 5. bis mittleren 6. Jahrhundert sind noch 140 Rezepte gegen Krankheiten zu lesen. Man machte sich früher Steinabriebe davon, die man mit nach Hause nahm. In späteren Zeiten glaubte man, durch die bloße Berührung der Rezepte gesund werden zu können. - Bei Buddhisten-Pogromen wurden viele der Figuren mutwillig zerstört. Das war zu den Zeiten, als die Buddhisten zu viel Macht erlangt hatten, weil sie vom Kaiser subventioniert wurden.

In Luoyang besuchten wir das erstaunlich menschenleere, liebevoll und reichhaltig bestückte Museum für Volkskunde. Am besten gefiel mir die wunderhübsch bestickte Kleidung, wie sie am Kaiserhof getragen wurde, einschließlich kleiner Kunstwerke von Kinderwesten und Kinderkappen. Wir erfuhren einiges über eine typische chinesische Hochzeit, wie sie heutzutage gefeiert wird: Da die Zeit nach 12 Uhr mittags als Unglückszeit gilt, muss die Zeremonie am Vormittag stattfinden. Dabei trägt die Braut ein weißes Brautkleid westlichen Stils. Braut und Bräutigam verneigen sich vor den Eltern. Beim anschließenden Bankett trägt die Braut ein traditionelles rotes Kleid. Rot bedeutet schön, außerdem vertreibt es die bösen Geister. Nach dem Bankett kleidet sich die Braut erneut um und erscheint im Cocktailkleid zur fröhlichen Feier. Alle Brautkleider werden geliehen. Der Bräutigam kleidet sich dunkel, aber nicht schwarz. - Zum Abschluss der Museumsführung zeigte man uns ein kleines Schattenspiel, bei dem wir hinter den Kulissen zuschauen durften, wie die mit beweglichen Gelenken ausgestatteten Figuren an kleinen Stöcken geführt wurden.

 

28.4.2000 (Fr): In die Lößberge hinein, durch Täler mit Fabriken und mit Ausblicken von oben auf zahlreiche Höhlen im Lößgebirge und auf viele weiß blühende Robinienbäume wurden wir zum Shaolin-Kloster gefahren. Zunächst gingen wir durch den Pagodenwald, eine Art Friedhof für Mönche in früheren Zeiten. Eine kleine Pagode entspricht etwa unserem Grabstein, außer dass sie eigentlich ein kleines Gebäude und somit innen hohl ist. Es kann auch die Asche mehrerer Mönche in einer Pagode beigesetzt sein. Außen an diesen kleinen Gebäuden waren teilweise noch hübsche Pflanzen- und Tierreliefs erhalten. Vögel sangen, Bäume und Büsche durchzogen den Pagodenwald. - Die traditionelle Anlage des Shaolin-Klosters zieht sich endlose Stufen am Berghang hoch und besteht aus zahlreichen Gebäuden und Innenhöfen. Außer einem Gebäude, das noch aus der Ming-Zeit (um 1500 n. Chr.) erhalten ist, wurden alle durch Brände zerstört und später wieder aufgebaut. Außerhalb dieser Anlage gibt es mehrere neuere Gebäude im Mietskasernenstil, in denen die Internatsschüler wohnen, die dort außer der Ausbildung im Kungfu-Sport einen normalen Schulunterricht erhalten. Diese Schule muss privat bezahlt werden. Die Kinder leben dort drei oder mehr Jahre. Wir sahen in einem großen Saal eine beeindruckende Kungfu-Vorstellung von fortgeschrittenen Jugendlichen. Dieser Kampfsport wurde in den alten Zeiten den in den gefährlichen Bergen lebenden Mönchen zur Selbstverteidigung genehmigt, und so entwickelte sich dort diese Tradition.

In der Nähe besichtigten wir noch die treppenreiche Anlage des Klosters des Weißen Pferdes, dann kündigte eins meiner Knie seinen Dienst auf. Von da an beschäftigte ich mich häufig damit, vom Reisebus aus oder in öffentlichen Anlagen die vorübergehenden und -fahrenden Menschen zu beobachten.

 

MENSCHEN (1)

 

An eine Kommunikation mit den Menschen des Landes war kaum zu denken, weil wir ja praktisch Analphabeten und Stumme waren. Ganz selten habe ich ein paar in der Volkshochschule gelernte Wörter anwenden können. Der ein oder andere Reiseleiter machte sich den Spaß, uns die in China gebräuchlichen Fingerzeichen für die Zahlen beizubringen. (Man benutzt nur eine, zunächst geballte Hand. 1 = gestreckter Zeigefinger; 2 = gestreckter Zeige- und Mittelfinger; 3 = gestreckter Zeige-, Mittel- und Ringfinger; 4 = alle vier Finger sind gestreckt; 5 = die vier Finger und der Daumen sind gestreckt; 6 = Zeigefinger und kleiner Finger sind gestreckt; 7 = der Zeigefinger berührt den Daumen, wobei alle vier Finger gekrümmt sind; 8 = Daumen und Zeigefinger sind gestreckt; 9 = der Zeigefinger ragt gekrümmt aus der Faust heraus; 10 = Faust oder aber die gekreuzten Zeigefinger beider Hände). Beim Einkaufen wurden uns aber in der Regel die uns bekannten arabischen Zahlen aufgeschrieben. Sie sind anscheinend jetzt auch bei den Einheimischen gebräuchlich, obwohl das Chinesische seine eigenen Zahlensymbole hat.

Setzte ich mich alleine auf eine Bank oder Bordsteinkante, so wurde ich von den wenigen, die etwas Englisch konnten, sofort angesprochen. Eine alte Straßenfegerin bei den Longmen-Grotten schrieb ihren Namen in mein Notizbuch, in dem ich gerade Aufzeichnungen machte, und wollte, so verstand ich, meinen Namen wissen. Über die Reiseleiterin, die dazukam, ließ sie anfragen, was ich studiert hätte. Überhaupt gibt es ganz andere Tabus als bei uns. Wie alt, ob verheiratet, wie viele Kinder, wie hoch das Einkommen - das wird man alles sofort gefragt.

Ich habe die Chinesen als spontan, offen und lebendig erlebt. Ihre Bewegungen sind gelassen, fast nie hektisch, jedoch oft zielstrebig. Sie lachen viel miteinander. In der Regel gehen sie höflich und freundlich miteinander um. Wenden sie sich vom Gesprächspartner ab, so kann man allerdings im Gesicht die Gefühle nur allzu deutlich ablesen: Zorn, Verachtung, Langeweile, Überdruss, Enttäuschung, Spott usw. Mit den Kindern gehen sie im Allgemeinen freundlich und gelassen um. Wie wenig Ängstlichkeit (im Gegensatz zu Deutschland) von den Erwachsenen ausgeht, sah ich deutlich an der entzückend selbstsicheren Körperbeherrschung, mit der Drei- und Vierjährige auf den Fahrradstangen und Gepäcksitzen ihrer im dichten Verkehr dahineilenden Eltern balancierten. Noch gilt, dass die Erwachsenen das Sagen haben. Ich sah aber auch einige im westlichen Sinn durch uneingeschränkte Freiheit verunsicherte und ewig nörgelnde Kinder, deren Eltern Fürsorge durch Waren ersetzten.

Die Kinder besuchen Ganztagsschulen. Gelegentlich konnte man sie in ihren Schuluniformen sehen, z. B. in rot-weiß oder blau-weiß gemusterten Jogginganzügen.

Beim Umgang der Geschlechter miteinander scheint es Regeln zu geben, die wir nicht kennen. Ich wurde zweimal von einem Mann (jedes Mal von einem anderen) beschimpft, dem ich (zu lange?) ins Gesicht gesehen hatte.

Wenige Alte haben weißes Haar. Ein Reiseleiter sagte uns, sie färben es alle zu Hause. Männer tragen ihr Haar fast immer kurz. Ab dem mittleren Alter sieht man häufig Stirnglatzen. Alte Frauen tragen ihr glattes Haar oft halblang bis zum Hals, unten glatt abgeschnitten, mit einem Kopfband gehalten wie bei uns früher bei kleineren Mädchen. Jüngere Frauen haben entweder einen kurzen Friseurschnitt oder tragen ihr Haar lang, hinten mit einer Spange zusammengehalten. Das glatte schwarze Haar wird nur selten durch Kräuseln oder Färben verunziert.

Die Standardkleidung bei Frauen sind lange Hosen, besonders bei den Alten. Bei Fahrradfahrerinnen sah man aber auch oft Miniröcke oder wadenlange Kleider, bei Fußgängerinnen auch Plateausohlen.

Die sozialen Schichten, so lernten wir, haben traditionell eine andere Gewichtung als bei uns. Die Reihenfolge ist in China: Gelehrte Beamte als höchste Klasse, gefolgt von Bauern, Handwerkern, Kaufleuten und Soldaten, die (außer den Offizieren) als Räuber galten; das änderte sich in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, da Mao während des Langen Marsches dafür sorgte, dass die Soldaten ihre Schulden bei der Bevölkerung bezahlten, die sie versorgte.

 

Außer vom maoistisch geprägten Sozialismus wird das Denken und Glauben auch viel von Traditionellem beeinflusst, das nur zum Teil mit dem Daoismus (Taoismus) und dem Buddhismus zu tun hat. Einiges davon will ich hier erzählen:

 

SYMBOLIK UND SCHÖNHEITSIDEALE

 

Fangen wir mit den historischen Schönheitsidealen an: Der Mund einer Frau soll klein und kirschförmig sein; ihre Hände seien in der Lotoshaltung (noch heute ein Teil der Gestik einer geschulten Rednerin, wie sie unsere junge, geschäftstüchtige Bäuerin auf der Teeplantage offensichtlich war); ihre Füße seien klein. Das inzwischen längst abgeschaffte Schnüren der Füße auf die ideale Lilienblatt- oder Lotosblattgröße von 10 cm begann im 10. Jahrhundert bei den Konkubinen des Kaisers, und im 15./16. Jahrhundert wurde es auf alle Han-Frauen (d. h. Chinesinnen, die keiner Minderheit angehören) ausgedehnt.

Langes Leben erreicht man zum Beispiel durch das Essen von langen Nudeln - je länger, desto besser. Auch der Pfirsich ist ein Symbol für langes Leben. Seine kleine Spitze ist auf den zahlreichen Darstellungen oft stark hervorgehoben, wie z. B. auf den Pfosten von Geländern in Palast- und Tempelanlagen.

Glückssymbole gibt es viele. Das Symbol für doppeltes Glück (in Reiseführern abgebildet) ist das bei Hochzeiten überall präsente Zeichen. Wir sahen es als Überbleibsel von einer Hochzeitsfeier an der Wand des Speisesaals, in dem wir in Guilin unser Mittagessen einnahmen. Links von dem Zeichen prangte ein Drache, rechts ein Phönix. Der Drache repräsentiert das Männliche, der Phönix das Weibliche. Auch eine Fledermaus bedeutet, wie schon erwähnt, Glück. Wolken, meist stark stilisiert dargestellt, sind ebenfalls Glück verheißend.

Überfluss, den man sich gegenseitig zu Neujahr für das begonnene Jahr wünscht, wird durch den Fisch repräsentiert, daher ist er das Neujahrsgericht.

Schönheit ist rot, und rot vertreibt auch die bösen Geister (vgl. Hochzeit).

Der König der Tiere ist in China der Tiger.

 

Bevor wir uns wieder auf die Schiene begeben, möchte ich von dem beeindruckenden Straßenverkehr und von den für uns fast unvorstellbaren Transportmethoden in China berichten:

 

STRASSENVERKEHR UND TRANSPORT

 

Fahrräder beherrschten das Straßenbild in den Städten und Dörfern der Ebenen. Die meisten Fahrräder hatten keinen Rücktritt. Die Vorderradbremse war ein langer senkrechter Hebel hinter dem Lenkrad, das übrigens die Form unseres ehemaligen „Gesundheitslenkers" hatte. Man saß elegant aufrecht. Die Kolonnen der zur Arbeit oder heimwärts fahrenden Werktätigen bewegten sich entweder zwischen den Autos hindurch oder auf extra breiten Fahrradwegen oder Absperrungen entlang der Straße (letzteres z. B. in Nanjing). In Luoyang stand die alte Brücke über den Luo-Fluss den Fahrrädern zur Verfügung, die neue den Autos. Die Fahrrädern zogen oft schwer beladene Karren, die bei vielen gleich mit angebaut waren. Ein neues Fahrrad bekam man im Jahr 2000 für 200 Yuan (etwa 50 DM). Eine Monatskarte für den Bus kostete in Nanjing 50 Yuan.

Ampeln gab es nur an sehr großen Kreuzungen. An den anderen wirkte das Hinüberwechseln geradezu chaotisch, aber da jeder vorsichtig und rücksichtsvoll fährt, gibt es nur wenige Unfälle. Außerdem, sagten uns unsere Reiseleiter, herrscht das Gesetz des Stärkeren.

Holzschubkarren mit zwei langen, starren Deichseln wurden mit den Armen geschoben oder auch mit einem Zuggeschirr aus Seilen mit dem Körper gezogen, zum Beispiel zum Transport von Ziegelsteinen. - Auf dem Lande trug man lange Stangen meist über einer Schulter. An den beiden Enden vorne und hinten hingen zum Beispiel zwei Körbe oder zwei Kanister (als Eimer) oder zwei beladene geflochtene Schalen oder zwei Kartonbündel oder zwei Rapsstrohbündel.

Als Zugtiere sah man fast überall Maulesel oder Maultiere, in der Nähe von Kunming auch kleine Pferde, welche größere Karren oder gelegentlich vierrädrige Wagen zogen.

 

Bei den vorangegangenen Beschreibungen ist sicher schon ein Eindruck davon entstanden, dass Arbeit in China etwas anderes bedeutet als bei uns heute. Im Folgenden will ich meine Eindrücke und mitgeschriebenen Informationen über die von weniger als 20% der Bevölkerung geleistete Arbeit wiedergeben, nämlich über das, was nicht Landwirtschaft ist:

 

ARBEIT (1)

 

Die Arbeitszeit wurde uns in Peking und auf der Teeplantage bei Hangzhou als 10 Stunden, in Nanjing als 8 Stunden täglich genannt. Im Jahre 2000 wurde in Nanjing von 7.30 bis 12 Uhr gearbeitet, in der Mittagspause bis 13.30 Uhr gingen manche Menschen zum Mittagsschlaf nach Hause und arbeiteten dann noch einmal bis 17 Uhr. Kaufhäuser und Verkaufsstände waren schwerpunktmäßig sonntags und abends geöffnet, um die Kunden während ihrer Freizeit anzulocken. - In den Ruhestand gingen Frauen mit 55, Männer mit 60 (65?) Jahren. - Die Armee war eine Berufsarmee.

In den Fabriken sorgten auch kulturelle Veranstaltungen für ein gutes Betriebsklima; z. B. wurden wir in Luoyang im Vorbeifahren Zeugen eines Tanzwettbewerbs im Hof einer Fabrik für die dort tätigen Frauen. Bauern hatten oft eigene kleine Fabriken. Sie verkauften die Waren in der Stadt. Früher erhielt ein Arbeiter nach fünf Jahren Tätigkeit eine kostenfreie Wohnung von der Firma. Dies hatte schon vor 2000 wegen stärkeren Wettbewerbs ein Ende.

Handel: Bei Luoyang sahen wir einen „chinesischen Supermarkt", wie ihn unser örtlicher Reiseleiter nannte: Zwischenhändler tätigten auf dem Markt Großeinkäufe, verluden die Ware auf Busdächer (illegal wegen des Übergewichts), um sie in den Dörfern mit Gewinn weiterzuverkaufen. - Kleinsthändler bestürmten Touristen. In manchen Orten durften deshalb die Händler ihre Verkaufsbuden nicht verlassen und beschränkten sich daher auf endloses „Hallo"-Rufen, um die Langnasen anzulocken. Das waren dann die so genannten Hallo-Buden.

Friseure: In Luoyang sahen wir Lehrlinge am Straßenrand, die den Passanten kostenlos die Haare schnitten.

Reinigungspersonal: Die fegenden Frauen waren allgegenwärtig, auf den Straßen, in den Parkanlagen, in den Museen. In Innenräumen, einschließlich unserer Reisebusse, wurde während der Betriebszeit zwischendurch mit einem Mopp aus breiten Stoffstreifen feucht aufgewischt; der Mopp wurde über einem Eimer ausgedrückt, in den ein halbes grobporiges Sieb eingearbeitet war. In den Museen wurde während der Öffnungszeiten auch Staub gewischt.

Müllsammler: Wir sahen sie westlich von Luoyang häufiger. Manche suchten sich aus dem Abfallbehälter Brauchbares (Papier, Plastik), in Luoyang auf dem Bahnhof taten das sogar die uniformierten Frauen. In den großen Städten, auch schon in Beijing, sahen wir Männer große Karren hinter sich her ziehen, in denen sich gesammelte Pappe, Styropor und Flaschen befanden. Alte Frauen bettelten uns z. B. bei den Longmen-Grotten um leere Plastikwasserflaschen an.

Arbeitslose: Viele Wanderarbeiter oder saisonbedingt arbeitslose Bauern saßen an den Straßenrändern der Städte und warteten auf einen Arbeitgeber. Oft hatten sie ein Pappschild vor sich stehen, auf dem sie ihre besonderen Fähigkeiten anpriesen. Die meisten vertrieben sich die Zeit mit Rauchen, Kartenspiel oder der chinesischen Variante des Schachspiels, wobei männliche Passanten ihnen zusahen.

Bettler: Ihre Zahl hatte durch die Segnungen des Kapitalismus zugenommen. Nicht alle Behinderten, sagten uns die Reiseleiter, würden vom Staat versorgt; in der Regel wäre die Familie für ihren Lebensunterhalt zuständig. Wer von uns wollte unterscheiden, welcher der Bettelnden in Not war und welcher sich nur (verständlicherweise) etwas vom Reichtum der Reisenden und von der Wohlhabenheit seiner Mitbürger abschöpfen wollte? Vielleicht wollte auch jemand auf seine Weise zum Einkommen der Familie beitragen?

Diebe haben wir zwar nicht bei der Arbeit gesehen, aber in unserer Reisegruppe von 24 Personen kam innerhalb von 24 Tagen in China folgendes vor: Kofferriemen waren vom Reisegepäck entfernt worden; ein Handy und eine Videokamera verschwanden, letztere aus dem Tagesrucksack; mehrmals fanden wir beim Nachhausekommen einen geöffneten Reißverschluss an unseren Taschen oder Rucksäcken vor.

 

Natürlich sind die hier beschriebenen Erwerbstätigkeiten nur ein kleiner Auszug. Nicht zu sehen waren die in den Büros und der Verwaltung Tätigen, die Lehrer, die Handwerker, die ungelernten und gelernten Arbeiter. Aber auch sie alle zusammen machen weniger als 20% der arbeitenden Bevölkerung aus, denn über 80% arbeiten in der Landwirtschaft.

 

LANDWIRTSCHAFT

 

Diese ist, wie schon berichtet, intensive Handarbeit. Das Spritzen des Weizens gegen Ungeziefer, das Ausstechen des Unkrauts, das Bewässern der Felder konnten wir unterwegs beobachten. Wasser wird in zwei Eimern oder Kanistern am Joch getragen, das über den Schultern liegt, so wie ich es als Kind noch in Ostpreußen gesehen habe. Man holt es aus einem Bewässerungskanal oder aus einem Hydranten an großen Rohrleitungen. Pflug oder Egge werden meist von Wasserbüffeln gezogen, ebenso ein kleiner Wagen mit daran befestigten Schaufelrädern, deren Funktion ich nicht ausmachen konnte (Umwälzen des Wassers im Reisfeld?). Wasserbüffel dürfen per Gesetz nicht getötet werden, solange sie arbeitsfähig sind.

Seit der Landreform in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist dafür gesorgt, dass sich jeder Bauer selbst ernähren kann. Das Land gehört dem Staat, mit dem der Bauer einen Nutzungsvertrag über 15 bis 20 Jahre abschließt. Viele betrachten das Land aber als ihr eigenes. Ausdruck dieser Einstellung sind die vielen Grabstelen auf den Feldern. Man begräbt die Familienmitglieder im heimischen Boden. Die Gräber sind rundliche Erdhaufen. Neben dem kleinen Erdhügel steht die Grabstele mit einer Inschrift über Leben und Taten des Verstorbenen. Ein mit weißen Papierblumen geschmücktes Rad aus dünnen Bambusstöcken auf dem Hügelchen zeigt ein frisches Grab an.

Der Staat setzt einen Schutzpreis für die Ernteprodukte fest. Die Bauern haben die Auflage, 25% der Ernte zu verkaufen. Nebenverdienst ist bei Bauern weit verbreitet - die schon erwähnten Fabriken, aber auch immer häufiger die von einem Kollektiv errichteten Vergnügungsparks mit herrlich kitschigen Nachbildungen z. B. des Forum Romanum oder des Schlosses Neuschwanstein.

Gegenseitige Hilfe ist bei Feldnachbarn gang und gäbe. In der Lößebene um Luoyang zum Beispiel schließen sich Familien oft zu Genossenschaften zusammen.

Die Größe der zugeteilten Felder ist unterschiedlich. In der Gegend von Luoyang bearbeitet jeder Bauer 300 m².

 

29.4.2000 (Sa): Mit einer 350 km langen sechsstündigen Bahnfahrt von Luoyang nach Xi'an näherten wir uns dem Zentrum des alten Reiches der Mitte.

 

LANDSCHAFT UND PFLANZEN AB LUOYANG

 

Die Fruchtfolge in der Lößebene um Luoyang, so lernten wir, ist Weizen - Mais - Winterweizen. Mais wird als Viehfutter, zur Stärkegewinnung und zur Herstellung von Alkohol angebaut. Wir sahen Weizen- und Maisfelder, dazwischen immer wieder leuchtend gelb blühende Rapsfelder. Man war bei der Kohl- und Gurkenernte. Weingärten, umgeben von Mauern aus Lößerde oder Ziegeln, werden zur Zeit der Traubenreife zusätzlich durch menschliche Wächter geschützt, die nachts in einer eigens im Garten auf Stelzen errichteten Wachhütte liegen.

Die Fahrt ging durch eine unbeschreiblich beeindruckende Lößgebirgs- und Terrassenlandschaft. Aus Lößerde oder auch aus großen Steinen hatte man Terrassen für Felder geformt. Aus Löß waren kleine oder große Mauern geschnitten. Höhleneingänge waren zu sehen, z. T. spitzbogenförmig, und in die Bögen waren Verzierungen in den Löß geschnitzt. - Zahlreiche winzige Ziegelbrennöfen lagen verstreut in der Landschaft. Auch Trockenziegelherstellung gibt es in dieser Gegend. Auf dem Land sah man viele Ziegelneubauten oder Ziegelhäuser im Bau, die in Eigenarbeit errichtet wurden. Am beeindruckendsten fand ich die riesigen Ziegelbrennöfen, die offenbar jeweils aus einem lang gestreckten Berg herausgeschnitten waren, den man seinerseits in einer Lößgrube ausgespart hatte.

Öfter sahen wir hölzerne Bienenkästen auf Wagen. Sie werden dorthin gefahren, wo es gerade blüht. - Das Gebirge ist teils bewaldet, meist aber mit Strauchwerk überzogen. - Ein Stück vor Xi'an lagerte an einem Bahnhof dunkelrote pulverige Erde. - Viele Häuser sind drei- bis fünfstöckige Plattenbauten, oft zur Straße hin mit Kacheln verkleidet. Durch den vielen Staub in dieser trockenen Gegend wirken sie unansehnlich schmuddelig. Ab etwa einer Fahrstunde vor Xi'an sahen wir oft breite, ausgetrocknete Flusstäler und viele Feldsteine.

Weiter im Süden, während unserer späteren Fahrten Richtung Kunming, konnten wir beobachten, wie dort wieder jedes Fleckchen Erde landwirtschaftlich genutzt wird; selbst in einem Autobahnkleeblatt hatte jemand Weizen gesät.

Einmal sah ich eine christliche Kirche, eine Art Schuppen mit einem Scheingiebel, auf dem ein Kreuz angebracht war. Ein andermal sah ich ein Kreuz auf einem Grab.

In der Gegend um Kunming in den südwestlichen Bergen wächst Eukalyptus und Heidekraut. Auf den Feldern sieht man Mais, Kartoffeln und Birnenplantagen.

 

Xi'an und Terrakotta-Armee

 

30.4.2000 (So): Am Vorabend hatten uns auf dem Busparkplatz beim Bahnhof Xi'an schon die Bettler empfangen, hier energisch fordernd und Mitleid heischend, eine Hand geöffnet, mit der anderen Hand in den Mund zeigend. Unterernährt wirkte aber niemand. Hier bettelten auch viele Kinder.

Am Sonntag fuhren wir dann zunächst durch das islamische Wohnviertel; 600.000 Moslems gibt es in Xi'an. Sie sind um 800 n. Chr. über die Seidenstraße eingewandert und gehören der Hue-Nationalität an, einer der vielen nationalen Minderheiten Chinas. Sie sehen chinesisch aus (sagte selbst unser örtlicher Reiseleiter) und sprechen den einheimischen Dialekt. Weitere Hue leben im autonomen Hue-Gebiet. Etwa 10 der 55 Minderheiten Chinas sind Moslems.

An den Ziegelhäusern Xi'ans sah man wieder oft eine weiß oder hellgelb gekachelte Straßenfront. Die traditionellen Dachreiterfiguren auf wichtigen Gebäuden werden hier ergänzt durch das legendäre weiße Pferd, auf welchem ein Mönch den Buddhismus nach China gebracht haben soll.

Während die Reisegruppe im islamischen Viertel die große Moschee und eine Seidenteppichknüpferei besichtigte, wartete ich wegen meines geschwollenen Knies im Bus auf dem Parkplatz am Trommelturm mit Blick auf die baumlose Grünanlage über einem unterirdischen Markt. Auf den Beeten blühten viele Ringelblumen. Spaziergänger in den Anlagen waren viele alte Leute, aber auch Jugendliche, Eltern mit Kleinkindern, einzelne Touristen. Zeitungsverkäufer und eine Frau mit Bauchladen boten dort ihre Waren an. Auch konnte ich einem Nudelhersteller auf der anderen Straßenseite zusehen, wie er den Teig schier unendlich (wegen des Glücks) in die Länge zog.

Während der Busfahrten erfuhren wir vom örtlichen Reiseleiter Geographisches und Geschichtliches: Xi'an liegt in einem Tal südlich von einer Lößebene. Nördlich dieser Ebene sowie südlich der Stadt verläuft je ein Nebenfluss des Gelben Flusses. Im Süden schließt sich das hohe Gebirge an, das die Grenze zu den Subtropen bildet. Die Bezeichnungen Gelber Fluss und Gelber Kaiser leiten sich vom gelben Lößboden her. In einem Lößtal in der Nähe hat man ein Dorf ausgegraben, das im Jahre 4000 v. Chr. besiedelt war. Männer und Frauen waren getrennt voneinander begraben.

Die Vorläuferstadt von Xi'an, Chan'an, wurde vom ersten Han-Kaiser (ab 206 v. Chr.) planmäßig schachbrettartig errichtet. In der Tang-Zeit (bis 907 n. Chr.) war sie sieben Mal so groß wie die Innenstadt von Xi'an heute. 214 v. Chr. wurden konfuzianische Bücher verbrannt und über 400 Anhänger des Konfuzius umgebracht. 209 n. Chr. war hier ein großer Bauernaufstand. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts verlagerte sich wegen des zunehmenden Seehandels mit arabischen Ländern das Landeszentrum nach Südosten. Der Buchdruck wurde im 11. Jahrhundert in China erfunden, 300 Jahre vor Gutenberg.

 

1. Mai 2000 (Mo): Die arbeitende Bevölkerung Chinas hatte eine Woche Urlaub. Viele bereisten als Touristen das eigene Land. Vom Hotelfenster konnte ich einen eigens zum 1. Mai errichteten Vergnügungspark sehen. Ein roter Schlauchluftballon bildete das Eingangstor. Während meine Reisegruppe die Stadtmauer erstieg und beging, saß ich im Park vor dem Aufgang zur Mauer. Vier alte Leute - drei Männer und eine Frau - in Uniformwesten in Dunkelgelb und Türkis und mit Strohhüten auf dem Kopf bewässerten mit Schläuchen den Rasen und die Robinien. Sie taten es abwechselnd, langsam und sorgfältig. Wer Pause machte, der aß, trank aus der Teeflasche oder rauchte. Den Weg zum Maueraufgang neben einem Stadttor zierten rote Lampions an Pfählen. Man zahlte Eintritt. Die Stadtmauer war mit roten Lampions geschmückt, die lange Ketten bildeten, welche bis an die Innenseite der Mauer herunterhingen und so auch den Parkplatz verzierten, der an diesem Stadttor lag. Oben an den Lampionketten waren Wimpel angebracht.

Weiter standen auf dem Tagesprogramm der berühmte Stelenwald und die Große Wildgans-Pagode. In der Haupteinkaufsstraße wurde eine Jadefabrik mit Einkaufszentrum besichtigt, man hatte Zeit für einen Einkaufsbummel. So hatte ich Zeit, vom Bus aus das Leben und Treiben an einer großen Kreuzung in der Stadtmitte zu beobachten: In diesem ungeordneten, ampellosen Straßenverkehr waren sogar Kinder alleine mit dem Fahrrad unterwegs. Auf dem Gehweg hielt eine junge Frau, gut gekleidet und mit runden roten Wangen, ihr anscheinend hirngeschädigtes Baby wie einen Schild vor sich, ging bettelnd vor dem Einkaufszentrum hin und her und berührte dem Baby immer wieder den Kopf, damit es Grimassen schnitt. Sie zeigte auf dem Mund des Kindes und hielt die Hand auf. Ein junger Mann gab ihr im Vorübergehen eine offene, schon angefangene Dose Cola. Sie trank und ließ auch das Baby davon trinken. - Ganz Xi'an schien zum Einkaufen unterwegs zu sein. Auf der Straße gingen die Lumpensammler mit ihren großen Holzkarren und die Fahrrad-Rikscha-Fahrer ihrem Erwerb nach. Eine Frau mit ihrer großen, dicken, wohl geistig behinderten Tochter ging vorbei. An der Ecke standen junge Motorradfahrer und stellten ihre neuen blanken Maschinen zur Schau. Ein älterer Mann saß stundenlang auf einem niedrigen Schemel am Straßenrand und besah sich wie ich das Treiben. Wenige Meter entfernt saßen vier jüngere Männer auf Schemelchen und spielten chinesisches Schach, immer mit einem Pulk zuschauender Männer um sich herum. Einmal kam eine Frau mittleren Alters aus dem Geschäft und vertrieb die Spieler, die sich daraufhin ein paar Meter weiter wieder niederließen. Zurück blieben die Zigarettenkippen. Ein Straßenfeger hatte gerade um sie herum gefegt.

In großer Sonnenhitze begaben wir uns zu der berühmten Terrakotta-Armee, die der erste Qin-Kaiser (sprich: Tschin-Kaiser), der ab 221 v. Chr. regierte, für sich als Grabwächter aufstellen ließ. Der Weg vom Parkplatz zu den überdachten Ausgrabungsstätten war weit. Während unser ständiger chinesischer Reisebegleiter sich dort um einen Rollstuhl für mich bemühte, saß ich auf einer Bordsteinkante, die auch andere Touristen zum Ausruhen benutzten. Ich sah, wie eine alte Müllsammlerin sich von einem Klebreisverkäufer ihr karges Mittagessen kaufte. Wir hatten gerade wieder einmal köstlich gespeist.

 

ESSEN

 

Für uns war das Frühstück in den 4-Sterne-Hotels stets ein reichhaltiges Büfett, manchmal „westlich", manchmal chinesisch, einmal mit einer Auswahl an westlichen und chinesischen Speisen. Das „westliche" Frühstück war weitgehend am US-amerikanischen Geschmack ausgerichtet. In China isst man herkömmlicherweise dreimal täglich warm. Auch unsere Mittags- und Abendmahlzeiten, die wir in Gaststätten oder Hotels einnahmen, erschienen mir als wahre Wunder der Kochkunst. Wir 25 Personen saßen stets an drei großen runden Tischen. Zu Anfang der Reise gab man uns noch Gabeln zusätzlich zu den Essstäbchen, später nicht mehr. Man greift sich mit den Stäbchen von der runden rotierenden Platte, die den größten Teil des Tisches einnimmt, den Bissen, den man sich gerade in den Mund stecken möchte. Diese Prozedur verlangt ein rücksichtsvolles, aber auch durchsetzungsfähiges Zusammenspiel der Tischgenossen. Wer dreht die Platte? Wie lange wartet man, bis man sie weiterdreht? Wie oft versucht man, seinen Bissen mit den Stäbchen zu ergreifen? Lässt man ihn am Ende doch noch liegen? Schließlich hat man die Stäbchen vorher im Mund gehabt! - Schüssel um Schüssel, Platte um Platte wurde uns auf die Drehscheibe gestellt. Zuerst waren es kleinere Platten bzw. Teller mit den diversen Vorspeisen (z. B. Nüsse, Lotoswurzelscheiben, eingelegte Silberzwiebeln, einmal sogar Quallententakeln). Dann kamen die großen Platten. Alles war lecker gewürzt und in einer Soße oder Brühe angerichtet. Meistens wurden die verschiedenen Gemüse, das Fleisch und der Fisch auf getrennten Platten serviert. Fleischsorten wurden im Allgemeinen nicht gemischt, aber Fleisch-Gemüse-Gerichte kamen vor. An Gemüse bekamen wir: Porree, Möhren, Erbsen, Schoten, grüne Bohnen, grüne Stängel (ziemlich hart), Zwiebeln, Wasserkastanien, Süßkartoffeln, Kartoffeln, dicke grüne Bohnenkerne, Chinakohl, ein grünes Blattgemüse ähnlich unserer Melde, Tomaten meist in Scheiben (mit Zucker zu essen!). An Fleisch gab es Huhn, Ente, Taube, Schwein, Rind, einmal auch Frösche. Auch Fisch fehlte bei keiner Mahlzeit. Wir bekamen Barsch, Wels, Süßwasser-Graskarpfen. Auch Tintenfisch (der natürlich kein Fisch, sondern ein Kopffüßer ist) wurde serviert. An stärkehaltigen Beilagen (außer den beim Gemüse genannten) erfreute unsere Gaumen: Pommes frites, Bandnudeln, Fadennudeln (sehr lang, wegen des Glücks), Reis, Dofu (Tofu) in vielen Formen (z. B. als Nudeln oder als gebackene Scheiben), Hefeklöße (Maultaschen) mit köstlichen süßen oder deftigen Füllungen (z. B. mit schwarzer Bohnenpaste), Biskuitkuchen, Mürbetaler. An würzigen Zutaten kosteten wir zum Beispiel: Knoblauch als Zehen oder in kleine Stückchen geschnitten, Chili, Sojasoße und Essig in kleinen teekannenförmigen Gießkännchen. Suppen, sofern sie nicht als Hauptgericht galten, wurden nach den Hauptgerichten gereicht. Sie waren wässerig, ungesalzen und ungewürzt. Darin schwammen einige Kohlblätter oder Tomatenscheiben oder ein Eiereinlauf. Zum Nachtisch gab es Obst: Wassermelonen-, Birnen- oder Apfelstücke, oft frische Ananasscheiben. Interessant fanden wir die Drachenbaumfrucht, die sich vielleicht als eine Art weiße Kiwi mit schwarzen Kernen beschreiben lässt.

 

Chengdu

 

Am 2.5.2000 (Di) flogen wir über bis zu 3000 m hohe Gebirge, die wir vom Flugzeug aus gut sehen konnten, gen Süden in die subtropische Zone, zunächst nach Chengdu, in der Provinz Sichuan gelegen. Die Luft war feuchtwarm.

In Sichuan gab es früher eine Kultur parallel zu Zentralchina. Vor 2000 Jahren gab es dort schon ein Bewässerungssystem. Die Provinz war schwer zugänglich, weil sie von Gebirgen umgeben ist. Man reiste vom Meer im Osten den Yangzi aufwärts nach Westen in von 20 Männern gezogenen Booten. Heutzutage gibt es in Sichuan viele Wasserkraftwerke. Der Yangzi hat hier fünf große Nebenflüsse. Es gibt heute eine Landflucht, auch eine Abwanderung in andere Provinzen.

3.5.2000 (Mi): Chengdu liegt am Brokatfluss. Vor 2000 Jahren war es eine Seidenbrokatstadt, und vor etwa 1000 Jahren wurde es zur Hibiskusstadt. Westlich der Stadt liegen die 2000 bis 4000 m hohen Ausläufer des Himalajas, östlich die fruchtbare rote Ebene. Bei der Stadtrundfahrt sahen wir die wunderschönen ausladenden Himalajazedern als Straßenbäume. Die Stadt hat sehr viele Neubauten. Sie wirkte gepflegt, auch sah man mehr Farbe als in den bisherigen Städten. Es soll hier mehr Teehäuser geben als sonstwo in China. Ironisch bemerkte der örtliche Reiseleiter, dass die Menschen hier viel Freizeit und damit Zeit für das Teehaus haben, weil es so viel Arbeitslosigkeit gibt. - In der Stadt wohnen viele Tibetaner. Von hier nach Lhasa reist man eine Woche über zwanzig 4000 m hohe Pässe. Oft wird Frauen in Tibet Arbeit in Chengdu versprochen, dann werden sie hier verkauft, denn durch die Landflucht finden die Bauern oft keine Frau. - Der in China bekannte Roman „Die Geschichte der drei Reiche" spielt in dieser Gegend. Es geht darin u. a. um Taktiken im Krieg, auch die Taktiken des berühmten Herzogs General Wu.

Die Gruppe besichtigte den Tempel des Herzogs von Wu, später das Kloster der schwarzen Ziege, dessen Eingangstor eine herrlich bunte, kitschige Nachahmung der traditionellen Tempelbauten ist. Davor gingen zwei Bettler mit langen Bärten sehr professionell ihrem Gewerbe nach. Das Kloster ist daoistisch (taoistisch). Eine schwarze Ziege, so heißt es in der Legende, ging einem jungen Mann voran, der den Meister Laotse suchte. Wo er ihn fand, wurde das Kloster gebaut.

Ein Sprichwort besagt: „Wenn in Sichuan die Sonne scheint, bellen die Hunde", denn es ist hier immer diesig. Hier wächst viel Bambus, der in drei Jahren 20 m hoch wird. In 2000 bis 2500 m Höhe, wo es eine besondere Bambusart gibt, lebt der Panda. Nach der Blüte, die nur alle paar Jahre stattfindet, sterben diese Bambuswälder ab; dann gibt es bei den Pandas immer eine große Hungersnot.

Wenden wir uns von den Hunden und Pandas noch einmal den Menschen zu:

 

MENSCHEN (2)

 

Je länger ich Langnase Gelegenheit hatte, die Kurznasen zu beobachten, desto mehr individuelle Unterschiede nahm ich wahr. Natürlich liegt bei allen Chinesen über dem inneren Augenwinkel die Mongolenfalte, so dass die Augen mandelförmig erscheinen. Natürlich haben alle Chinesen schwarzes, meist völlig glattes Haar .(Ich habe übrigens ein weißhaariges Albinokind gesehen). Aber das ist auch schon beinahe alles, was sie gemeinsam haben. Schon das Klischee von der gelben Hautfarbe stimmt nicht: Die Hautfarbe variiert von bleich bis dunkelbraun. Chinesen definieren sich übrigens nicht über die Rasse, sondern über die Kultur. So gilt als Han-Chinese jeder, der nicht einer kulturellen oder religiösen Minderheit angehört. Wie bei uns haben manche Menschen einen flachen Hinterkopf, manche ein vorgezogenes Untergesicht, wenige ein flaches „Eierkuchengesicht". Oft ist die Unterlippe vorstehend. Es gibt sehr schmale bis sehr volle Lippen, kirschrunde und kleine Münder ebenso wie sehr breite. Die Unterkiefer sind vorstehend bis fliehend. Unterkiefer und auch Wangenknochen sind im Verhältnis zum übrigen Gesicht oft breiter als bei uns, man sieht aber auch lange, schmale Gesichter. Die Nasenformen und -längen sind äußerst unterschiedlich, wenn auch die Nase im Durchschnitt kürzer ist als bei uns. Ich habe in China, im Gegensatz zu Europa, keine Hängewangen, fast kein Doppelkinn und wenige Brillenträger gesehen. - Es gibt Lang- und Kurzbeinige wie bei uns. Von der Statur her wirken die meisten Festlandchinesen zierlich, wenige sind dicklich oder gar groß und fett. Es gibt fast keine Wänste oder Bierbäuche. Kein Wunder also, dass man uns dort hässlich findet!

Alte Leute, sagte unser Reiseleiter in Chengdu, tragen ihren Vogelkäfig spazieren, so wie sie in Deutschland ihren Hund Gassi führen; im Park oder Teehaus verbringen sie mit ihren Vögeln den Tag. Gesehen habe ich die Alten allerdings als Hüter der Enkel, als Rasensprenger, Straßenfeger, Müllsammler, Wasserverkäufer und Bettler. Mindestens die Hälfte waren Frauen.

 

ARBEIT (2)

 

Die arbeitenden Kinder habe ich noch nicht erwähnt, nämlich die Schulkinder. Durch einen Vortrag des in Berlin lebenden Professors Zhou Chun hatte ich schon etwas über das Schulsystem Chinas gelernt: Es besteht eine sechsjährige gesetzliche Schulpflicht in der Grundschule - vier Jahre Grundstufe, zwei Jahre Oberstufe. In die Mittelschule kann man nach einer staatlichen Prüfung aufgenommen werden. Die 12- bis 15-Jährigen besuchen dort die Unterstufe, die 15- bis 18-Jährigen die Oberstufe. Daran schließt sich die Große Schule an, also Fachhochschule, Institut oder Universität. Mit 22 Jahren ist die Ausbildung beendet. Man wohnt auf dem Campus. Von 6 bis 22 Jahren durchgehend ist man in einer Schulklasse. Es besteht Präsenzpflicht, und es gibt keine Fächerwahl. - In China lernte ich neu dazu: Man bemüht sich in den Städten um eine neunjährige Schulpflicht. In der Mittelschule ist eine Fremdsprache Pflicht, meist Englisch, früher war es Russisch. An der Grenze zu Vietnam hat man früher auch Französisch gelernt. Familien bekommen für die Schule eine staatliche Unterstützung, die aber bei „schwarzen", also unzulässigen Zweit- und Drittkindern gestrichen wird.

Ärzte: In Nanjing wurden wir - für uns außerplanmäßig - in ein Medizinzentrum geführt, das der Pflege und Verbreitung der traditionellen chinesischen Medizin dient, mit anscheinend ehrenamtlich arbeitenden Ärzten und Ärztinnen im Ruhestand bestückt und zum Empfang größerer Gruppen ausgelegt. Nach einem Vortrag der wohl leitenden Ärztin, der von einem der Reiseleiter übersetzt wurde, und einem Videofilm auf Deutsch bekamen wir Gelegenheit zu einer persönlichen Konsultation (mit Beratung zum Kauf einer der sieben abgepackten Kräutermischungen) oder zu einer Massage oder einer Fußreflexzonenbehandlung, teils kostenlos, teils gegen Entgelt.

In Luoyang begleitete mich wegen meines plötzlich angeschwollenen und schmerzhaften Knies unser ständiger chinesischer Reiseleiter per Taxi in ein vom Taxifahrer empfohlenes, am anderen Ende der Stadt gelegenes Krankenhaus. In der großen Empfangshalle stand er zunächst an einem Schalter Schlange, um eine Art Einlassticket zu kaufen. Dann fragte er eine an einem Tischchen sitzende Schwester, welcher Arzt für mein Knie am besten geeignet sei. Daraufhin begaben wir uns in einen langen Gang, an dem Tür an Tür die Sprechzimmer der Ärzte lagen. Die Wartezeit war kurz. In dem uns zugewiesenen Zimmerchen saßen ein älterer und ein jüngerer Arzt an einem Tisch. An den zwei freien Stühlen nahmen der Reiseleiter, der für mich übersetzte, und ich Platz. Das Gespräch fand nur mit dem älteren der Ärzte statt. Die Tür zum Flur blieb offen. Erst als ich mit meinem Bericht fertig war und mir die lange Hose ausziehen sollte, verstand der ältere Arzt meinen Blick zur Tür richtig und wies den jüngeren an, sie zu schließen. Normalerweise, sagte er nach der Untersuchung, seien kalte Umschläge und Ruhen angezeigt, aber da ich auf Reisen sei, wolle er mir etwas verschreiben, das das Wasser aus dem Knie ziehe und den Schmerz nähme. Mit den Rezepten ging mein Begleiter in die Apotheke im gleichen Hause und kaufte Kampferpflaster, Kapseln unbekannten chemischen Inhalts und ein Päckchen mit Kräuterkugeln. Den Arzt mussten wir nicht bezahlen; das sei durch den Kauf der Medizin erledigt, wurde mir gesagt. Das Kampferpflaster führte erwartungsgemäß bei mir nach zwei Tagen zu heftiger allergischer Reaktion der Haut. Die Medizin wirkte harntreibend und machte schläfrig. Das Knie schwoll nicht ab - übrigens auch in Berlin nicht nach den Schlammwickeln und der Laserbehandlung durch meinen Orthopäden. Später half eine Operation mit anschließender Physiotherapie.

Musiker: In Hotelfoyers saßen gelegentlich Klavierspieler, die Musik war meistens westlich. In zwei oder drei Hotels wurde unsere Mahlzeit von traditioneller chinesischer Musik begleitet, die von einer Frau gefühlvoll und kunstreich auf einer Art Hackbrett mit zwei Klöppeln gespielt wurde. Die Spielerin sitzt dabei wie an einem Klavier. Im Bank Hotel in Kunming verwöhnten uns zwei ganz im traditionellen Rot gekleidete Künstlerinnen. Sie spielten auf zwei Flöten mit kropfartiger Erweiterung, abwechselnd mit dem Hackbrett oder der Pipa (Laute), diese entweder solo oder im Duett mit einem der anderen Instrumente. Die Pipa hatte schier unzählige Saiten. In das abgeflachte Ende des Lautenstegs war das Glückssymbol eingeschnitzt.

Die Reiseleiter sind Angestellte des staatlichen Reisebüros Chinas. Das Reisebüro wird am Umsatz der staatlichen Betriebe beteiligt, wodurch verständlich wird, warum wir so oft zu den Betriebsbesichtigungen und den angegliederten Verkaufsetagen geführt wurden. Der örtliche Reiseleiter wiederum erhält 10 % (wovon?) für den Stempel, den er sich in dem Betrieb holt, in welchen er seine Reisegruppe führt. Wir haben also kräftig am Aufbau Chinas mitgearbeitet!

Wenn man bedenkt, wie unterschiedlich die europäischen Sprachen von der chinesischen sind, grenzt es schon an ein Wunder, dass wir unsere Reiseleiter recht gut verstehen konnten, obwohl sie nur wenige Jahre Deutsch gelernt bzw. studiert hatten. Geradezu ansteckend war die Fröhlichkeit der meisten Betreuer. Erstaunlich fand ich auch ihre offene, oft ironisch distanzierte Art, mit der sie über ihr eigenes Land sprachen.

 

Hier wäre nun die Gelegenheit, den Reisebericht abzurunden, den ich mit dem Dank an den deutschen Reiseleiter begonnen hatte. Aber es liegen noch 10 Reisetage vor uns.

Wir hatten schon reihenweise an Durchfall und Verstopfung gelitten, und die Ersten bekamen bereits die durch die Klimaanlagen geförderte Erkältung, die manche erst nach Wochen zu Hause wieder los wurden. Es wurde immer anstrengender, ständig mit denselben Leuten zusammen zu sein. Ehepaare und Freundinnen stritten sich. Auch konnte man eigentlich gar nichts Neues mehr aufnehmen. Aber diesen Bericht kann man ja zwischendurch beiseite legen oder ausschalten. Also fahre ich fort:

 

Leshan

 

Am 3.5.2000 (Mi) fuhren wir mit dem Bus zweieinhalb Stunden die 200 km von Chengdu nach Leshan. Die Bauernhäuser sind hier niedrig, aus roten Ziegeln gebaut und mit grauschwarzen halbrunden Ziegeln gedeckt. Wir sahen viele Ziegeleien. Die Bauern waren bei der Rapsernte: Die trockenen Pflanzen werden per Hand geschnitten, dann auf großen Plastikplanen mit Flegeln gedroschen. Das Stroh wird oft verbrannt. Neuerdings wird aber auch Häcksel in Baumaterialien verwendet. Die abgeernteten Rapsfelder werden mit Hilfe der Wasserbüffel umgepflügt, dann geflutet. In die gefluteten Felder werden die inzwischen in anderen Feldern zu dicht stehenden Reispflanzen einzeln per Hand im Abstand von einem Fuß eingepflanzt. Wir sahen die Frauen bei dieser mühseligen Arbeit und lernten dabei: Reis wird zu Beginn der Regenzeit (März) oder etwas vorher zum Vorkeimen dicht in Wasserbeete gesät. Durch die Regenfälle füllen sich die Felder immer wieder auf, das spart Arbeit. Sind die Pflänzchen 15 bis 20 cm hoch, werden sie, wie oben beschrieben, vereinzelt. Außer dem Wasserreis gibt es auch Trockenreis. - Außerdem sahen wir unterwegs Teeplantagen auf schmalen Terrassen, Stangenbohnen, Gurken an Stangengerüsten. - Viel Aufforstung ist geplant und hat begonnen. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde viel abgeholzt. - Früher wurde in dieser Gegend Papier hergestellt: Bambus wurde zerkleinert und mit Kalk gemischt. Auch Reispapier wurde produziert.

Der Name der Stadt Leshan bedeutet „Berg der Freude". Sie hat 600.000 Einwohner (Stand: 2000). Im Fluss gibt es Riesensalamander, die nachts wie Babys weinen. In der Nähe von Leshan vereinen sich drei Flüsse; an dieser Stelle steht die größte Buddha-Statue Chinas, die wir von einem Schiff aus bewunderten, während die Menschen wie Ameisen zu beiden Seiten des Kolosses im Felsen auf und ab kraxelten. Der Buddha wurde in den Jahren 713 bis 803 n. Chr. aus dem Felsen gehauen, von dem aus er auf das Wasser blickt. Es gab dort früher viele Raubüberfälle auf Schiffe. Ein Mönch, so heißt es, wollte durch den Bau eines schützenden Buddhas erreichen, dass alle Schiffe sicher passieren können. So begann er als Bettelmönch Geld dafür zu sammeln. Später wurde der Bau auch von weltlichen Gouverneuren weiter finanziert. Zwischendurch stachen Räuber einmal dem Buddha die Augen aus, weil er sie nicht bei ihrem Handwerk beobachten sollte.

 

4.5.2000 (Do): Mit dem Bus wurden wir zum Bahnhof Ermeshan gefahren. Unterwegs Reisfelder, roter Sandstein, Steinbrüche. Smog. In einer kleinen Garküche am Bahnhof aßen wir die leckerste Mahlzeit unserer ganzen Reise. Das Wetter war fast unerträglich drückend. Nach langem Anstehen in einer größeren Menschenmenge am Bahnhof fuhr unser Zug endlich am Mittag ab in Richtung Kunming, der südwestlichsten Stadt unserer Reise.

Nachtfahrt nach Kunming: Wir fuhren den Rest des Tages und die ganze Nacht, durch unzählige Tunnel, zu denen ich zwei Varianten zu hören bekam: Erstens: Auf dieser Strecke gibt es 400 Tunnel und Brücken. Zweitens: Auf der 1000 km langen Strecke von Chengdu nach Kunming gibt es 400 km Tunnel. - Meine Eindrücke der Reise in Stichworten: Reisterrassen. HHHHHHHHellgrün bewaldete Berge, zum Teil nur mit Büschen bewachsen. Viele Industrie-Orte in Flusstälern. Ziegelbrennereien. Staumauer und Stausee im Dadu-Fluss (Betonung auf der zweiten Silbe), an dem übrigens auch der Große Buddha steht. Bahn und Straße führen an gegenüber liegenden Ufern flussaufwärts. In den höher gelegenen Regionen ist das rote Gestein nur noch rötlich, dann grau. In den Bergen oft Erosion, anscheinend durch brach liegende ehemalige Terrassenfelder. Später, in den Hochtälern: Schroffe Felsklüfte, Kalkstein oder weißlicher Sandstein. Auch Kalkschiefer. Kleine Bahnhöfe mit weißen chinesischen Schriftzeichen auf blauen Stationsschildern. (Hier gibt es keine lateinischen Buchstaben für die Ausländer). Straßenbauarbeiten. Bergbefestigungsarbeiten. - Ab 15 Uhr waren wir im Hochgebirge. Immer wieder Flüsse, Terrassenfelder, Ortschaften, Industrie. Ein Wasserkraftwerk bei der Mündung eines Flusses in den anderen; dazu wird offenbar das Wasser aus dem Fluss erst hochgepumpt. Im Gebirge wohnt die Yi- Nationalität. Sie haben ihre eigenen Schriftzeichen, die an der Wand eines Bahnhofs verblichen zu sehen waren, und eine andere Religion. An einem der Bahnhöfe sahen wir Frauen in Trachten mit einer Kopfbedeckung, um die ein dicker schwarzer Stoffzopf gelegt war. Die Gräber hier sind entweder aus Stein, oder eine Steinplatte steht dicht am Grabhügel. Die Feldbestellung geschieht wie bei den Han-Chinesen. Es gibt hier mehr Kühe, meist braune.

 

Kunming

 

5.5.2000 (Fr): Morgens Ankunft in Kunming, Provinz Yunnan. Wir frühstückten im Hotel und durften uns in unseren Zimmern ausruhen. Um 12 Uhr Abfahrt zum Mittagessen in einem anderen Hotel. In Kunming sind die Balkone klein und völlig vergittert wie Käfige, mit zum Teil schönen schmiedeeisernen Verzierungen. Fahrt in die Westberge. Unterwegs blickten wir auf den Dian-See (sprich: djän), an dem das Haus steht, in dem kürzlich ein deutsches Ehepaar von Einbrechern ermordet wurde. Wir fuhren durch herrlichen Wald: eine Art Pinie oder Kiefer mit Nadeln in Büscheln wächst dort und diverse Laubbäume. Auf dem Rückweg sah ich zum Tal hin Magnolien mit riesigen weißen, gerade sich öffnenden Blüten; einen Weihnachtsstern; auch Bougainvillea. Die Reisegruppe fuhr vom Dian-See mit der Seilbahn auf einen Aussichtsberg und wanderte bergab zurück. Ich besah mir währenddessen die Verkaufsstände und saß dann in einem überdachten Gang zwischen den öfter wechselnden einheimischen Touristen. Kinder schleckten verschiedene Eissorten. Erwachsene kauften Andenken und Mitbringsel. Tanten und Omas beschenkten die Einzelkinder.

Die Umgebung von Kunming: Überall sah man die rote Erde (Sandstein). An der Straße waren Steinmetze auf ihren Grundstücken bei der Arbeit im Freien; sie erstellten Großskulpturen aus weißem Kalkstein. Pfirsich- und Birnenplantagen säumten die Straße. In den Gärten waren blühende Stockrosen (Malven) zu sehen - hier gab es Privatgärten -, in den Grünanlagen Stiefmütterchen. In der Provinz Yunnan wird Tabak angebaut, daher sah man hier viele Raucher, im Gegensatz zu den anderen Provinzen, die wir durchfahren hatten. Auch gibt es hier Kohle- und Aluminiumvorkommen. Unterwegs erhaschten wir einen Blick auf die von den Franzosen erbaute Schmalspurbahn, die bis Hanoi führt.

Eine Delikatesse dieser Gegend sind geräucherte Enten. An einer Straße sahen wir ihre Herstellung: An einem aufgespannten Draht waren die gerupften Tiere mit S-Haken an den Schnabellöchern oder Augenhöhlen aufgehängt. Daneben standen unter einem Wellblechdach, das von vier Pfosten getragen wurde, zwei Öfen, die oben ganz von je einem großen Kupfertopf ausgefüllt waren, in welchen die Enten von oben hineingelegt werden. Der Topf hat unten offenbar Löcher, denn unter ihn wird ein Gefäß mit Wasser geschoben, um die Tiere durch den Wasserdampf feucht zu halten und auch das herabtropfende Fett aufzufangen. Die Feuerstelle liegt darunter. Der Rauch, kanalisiert durch den Ofen, steigt nach oben zu dem Kessel mit den Enten.

 

6.5.2000 (Sa): Auf dem Weg zum Steinwald" kamen wir zunächst in eine Jadeschneidewerkstatt und -schleiferei mit dazugehörigen großen Verkaufsräumen. Das Gebäude lag fast villenartig in einer von einer Mauer umgebenen Anlage. Der Hof war gepflastert, die Mauerbrüstung mit großen blühenden Gewächsen bepflanzt. Besonders hatte es mir eine Pflanze mit wunderschönen großen gelben Blüten angetan, ähnlich einer Bananenblüte, die auf einem breiten Unterbau aus verwelkten (Blüten-)Blättern, (darunter) grünen Früchten der Vorgängerblüte(n) und (darunter) nochmals verwelkten (Blüten-)Blättern sitzt; dieser Blüten bildende Teil der Pflanze wirkt wie ein dicker Stamm, der am Boden beginnt und aufrecht steht; daneben wachsen die Blätter, die wie Bananenblätter aussehen.

Der Bus fuhr uns weiter durch bewaldete Berge mit steilen Felseinschnitten, Tunneln, einer Eisenbahnbrücke. Ein artenreicher Strauch- und Baumbestand erfreute mein Gemüt. Auffallend war ein hochwüchsiges, rosa blühendes Heidekraut. Eukalyptus wuchs als Alleebaum. Wir näherten uns dem „Steinwald" (Shilin) (Betonung auf der zweiten Silbe). Vor 300 Millionen Jahren gab es dort ein Meer. Durch Ablagerung von Muschelschalen und Schalen anderer Meerestiere und durch hohen Druck entstand Kalkgestein. Später schufen Wetter und Erosion die heute zu bewundernden bizarren Formen. Beim Warten auf die dorthin wandernde Gruppe hörte ich Amseln und andere Singvögel, bewunderte einen vorbeifliegenden spitzflügeligen, blau und grün schillernden Schmetterling, eine gelbe Libelle, einen schwarzen Kolibri, Bienen und am Unkraut weiße Schmetterlinge. Tauben flogen um ein kleines Bauerngehöft, neben dem ein kleiner Lotosteich und ein ebenso kleines Wasserreisfeld angelegt war. Am Straßenrand blühte ein Baum mit dunkelgelben, zum Himmel ragenden, flammenförmigen Blütenständen.

 

7.5.2000 (So): In strömendem Regen durchstöberte die Reisegruppe den Altstadtmarkt von Kunming. Dann erlebten wir bei der Ankunft am Flughafen von Kunming die erste und einzige organisatorische Panne dieser 26-tägigen Chinareise: Unser Flug war auf den Abend verlegt worden. Es hieß, man habe uns nicht mehr erreichen können, um uns rechtzeitig zu benachrichtigen. Unsere örtliche Reiseleiterin erreichte, dass wir unser Gepäck schon abgeben und uns in die Wartehalle für unseren Flugsteig setzen konnten; auch, dass wir um 18 Uhr ein warmes Essen aus einem Rollwagen erhielten, dazu Tee von einem anderen Rollwagen. Ein Süßigkeitenstand verführte mich zu Hamsterkäufen, so konnte ich dann zu Hause meinen ersten Gästen zum Beispiel Streichholzschachtel große Päckchen mit einer süßen Paste auf Erbsenbasis anbieten. In der großen Wartehalle erlebten wir das südchinesische Temperament hautnah und anhaltend mit: Man rief, lachte, lärmte - China live.

 

Guilin und Kegelkarstlandschaft

 

Auf dem Flug Richtung Osten nach Guilin erhielten wir ein kalten Getränk und ein Tütchen mit kandierten Mini-Orangen, „Goldenen Mandarinen", wie sie bei Guilin angebaut werden. Wir landeten auf dem neuen Flughafen, 26 km vom Stadtzentrum entfernt. Um 22.30 Uhr betrug die Temperatur etwa 22°C, es nieselte und war feuchtwarm - subtropisches Klima. Die Regenzeit beginnt hier im März und dauert 6 Monate.

Guilin liegt im autonomen Gebiert der Zhuang-Minderheit, die hier neben 12 weiteren Minderheiten den größten Bevölkerungsanteil stellt. Jede Minderheit hat ihre eigene Tracht. - Im Oktober hätten wir die gelben Blüten der Zimtbäume sehen können, von denen es hier mehrere Arten gibt. Man kann hier Zimtblütentee serviert bekommen.

 

8.5.2000 (Mo): Auf dem Weg zu den Kegelkarstbergen sahen wir wieder rote Erde. Reisfelder säumten die Straße. In dieser Gegend gibt es zwei Reisernten pro Jahr, erfuhren wir; die zweite Reisanbauzeit ist im August. Die zweite Saat wächst langsamer als die erste, ab November beginnt die zweite Erntezeit. Angebaut werden außerdem Süßkartoffeln und Wasserkastanien (die lange Pfahlwurzeln haben); an Obst kultiviert man hier hauptsächlich Orangen, Lichees, Drachenaugen, Pomelos (große gelbe Pampelmusen) und die schon erwähnten winzigen Goldenen Mandarinen. Der Oleander blühte.

Ein Erlebnis ganz besonderer Art für Romantiker war die Fahrt auf dem Li-Fluss durch die viel gemalte und bedichtete Kegelkarstlandschaft. Durch das dort häufige (und anscheinend auch für uns extra bestellte) Regenwetter und die diesige Luft erschienen die Berge wie Silhouetten, die sich während der Flussfahrt immer wieder hintereinander schoben, und vor denen sich, leicht vom Wind bewegt, die Silhouetten der filigranen jungen Bambusbäume in zartem Hellgrün wunderhübsch ausnahmen. Manchmal gab es steile Sandstein- oder Kalksteinufer mit bizarren Höhlungen, auch Stalaktiten waren zu sehen. An flachen Ufern sah man oft Boote, die aus fünf bis sechs dicken, nebeneinander liegenden und vorne hochgebogenen Bambusstämmen bestanden. Viele große Entenherden, weiß mit hellbraunen halbwüchsigen Küken, zupften am Ufer das Gras. Auf einer Insel (oder Halbinsel?) grasten mehrere Wasserbüffel. Auf dem Schiff servierte man eine Mahlzeit. Gegen Bezahlung wurde Jasmintee, Zimtblütenwein und Schlangenschnaps angeboten, auch Kaffee. Nach der Landung hieß es Spießrutenlaufen durch eine Hallo-Buden-Gasse. Der irgendwo in diesem Touristenrummel wartende Bus fuhr uns dann zurück durch die Kegelkarstlandschaft nach Guilin. Unterwegs erlebten wir ein köstliches Schauspiel: Alte Landarbeiter posierten, ausgestattet mit langen Stangen, an denen sie große Körbe trugen, die allerdings nur mit trockenem Heidekraut gefüllt waren, lächelnd und winkend am Straßenrand. Ein Wasserbüffel, das Lieblingsfotoobjekt aller dort durchreisenden Langnasen, vollendete das Bild. Der Reisebus hielt. Nach jedem Foto, das von ihnen gemacht wurde, hielten die Alten die Hand auf. In der Ferne sah man die tatsächlichen Landarbeiter bei der Arbeit.

An diesem Abend nahm unser ständiger chinesischer Reiseleiter zum ersten und letzten Mal mit uns gemeinsam das Abendessen ein. Es war sein Abschiedsabend. Auf Kosten unserer Reiseorganisation gab es Zimtwein, Bier und wahlweise Rot- oder Weißwein zu den Abschiedsreden.

 

9.5.2000 (Di): Die Gruppe besichtigte in Guilin eine Tropfsteinhöhle mit dem schönen Namen Schilfrohrflötenhöhle.

 

Hongkong

 

Abends verließen wir Festlandchina im engeren Sinne, denn Honkong hat ja einen Sonderstatus. Der neue Flughafen, auf dem wir landeten, liegt westlich des Festlandes auf einer Insel, die durch Aufschüttungen erheblich vergrößert wurde. Eine 1997/98 erbaute 3,5 km lange, wie für uns festlich beleuchtete Brücke führt zum Festlandteil von Hongkong, Kowloon, das wir mit seinen lichterblinkenden Hochhäusern bei dieser Abendfahrt bewundern konnten. Noch eindrucksvoller nahmen sich die gegenüber an den Berghängen der Insel Victoria Island erstrahlenden Hochhäuser aus. Wir erreichten diese südlich des Festlandes gelegene Insel durch einen Tunnel. Fast direkt an der Meeresenge lag unser Hotel. Von meinem Zimmer blickte ich auf einen kleinen Yachthafen und nach Kowloon hinüber.

 

10.5.2000 (Mi): Am Vormittag wand sich unser Bus hinauf zum Victoria Peak, in dessen Wäldern die Wohlhabenden ihre Villen gebaut haben, allen voran die Kolonialherren. Wir schauten von der einen Seite des Berges auf die imposante Stadt, von der anderen auf bewaldete Hügel. Von oben blickten wir auch auf den Badestrand Repulse Bay, dessen Sand künstlich aufgeschüttet ist. Dort gibt es den weißen Hai. Australische Experten haben deshalb ein Schutznetz zwischen der Badezone und dem offenen Meer angebracht. (Den kleineren Naturstrand, Deep Water Bay, sahen wir nicht). Es regnete, oft in Strömen. Die örtliche Reiseleiterin berichtete in wohltuend gutem Deutsch: In Honkong soll Krankenversicherung eingeführt werden. Ab Ende 2000 beginnt die Rentenversicherung. Die staatliche Krankenbehandlung ist preiswert, aber es gibt lange Wartezeiten. Wer schnell drankommen will, muss die sehr teure private Behandlung bezahlen. Im sozialen Wohnungsbau besteht eine Wohnung für 6 bis 8 Personen aus einem Zimmer von 20 bis 25 m². In neueren Wohnungen derselben Größe wohnen 2 bis 4 Personen. - Am Nachmittag gab es eine Bootsrundfahrt im Hafen Aberdeen. Wir verteilten uns auf mehrere Dschunken, die mit Lampions und bunten Plastikblumen ausgeschmückt waren und meist von einer Frau gesteuert wurden.

 

11.5.2000 (Do): Vormittags schien endlich die Sonne. Man atmete Waschküchenluft. Ich fuhr mit der 100 Jahre alten zweistöckigen Straßenbahn (street car) in die Nähe der Fähre und setzte mit der Star Ferry nach Kowloon über. Das Unterdeck war billiger als das Oberdeck, aber der Mann an der Kasse zum Unterdeck verlangte passendes Kleingeld. - Bei der Rückkehr sah ich vor unserem Hotel zwei Sikhs als Portiers stehen. Sie trugen einen weißen Turban, schwarzen Vollbart und Schnurrbart, eine lange rote Weste über dem langärmeligen weißen Oberhemd, dazu schwarze Hosen und Schuhe. Sie öffneten geflissentlich Wagentüren, nahmen aber von uns Fußgängern keine Notiz. - Den Rest des Tages verbrachten wir geruhsam. Für uns 25 Reiseteilnehmer standen drei Hotelzimmer zur Verfügung bis zum Abend, an dem wir uns auf den zwölfstündigen Rückflug nach Zürich begaben, wo wir am 12.5.2000 (Fr) unsere Anschlussflüge erreichten.

 

Wir hatten in 24 Tagen das große China in Form eines Fragezeichens durchreist (im doppelten Sinne des Wortes): Von Westen kommend nach Beijing, von dort gen Südosten nach Hangzhou und Shanghai, dann weitgehend westlich über Suzhou, Nanjing, Luoyang und Shaolin bis Xi'an, von wo es südwärts über Chengdu und Leshan bis Kunming und Shilin ging, danach mehr oder weniger ostwärts über Guilin nach Hongkong. - Was es heißt, in China zu leben, konnten wir trotz der Fülle des Erlebten jedoch nur ahnen. Das große Fragezeichen, mit dem wir aufgebrochen waren, hatte sich in viele kleine zerlegt.



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